Faktum, Faktizität, Wirklichkeit. Phänomenologische Perspektiven

Tagung der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung (DGPF) in Wien

Folgt man der mit dem Begriff des »Postfaktischen« verbundenen Zeitdiagnose, so befinden wir uns in einem Zeitalter, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse durch »gefühlte Wahrheiten« und Tatsachen durch »alternative Fakten« ersetzt werden. Gleichzeitig zeigt sich – im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung und des Aufkommens neuer Informationstechnologien – eine breite gesellschaftliche Entwicklung hin zu einer Herrschaft des faktisch Gegebenen im Sinne nackter Daten (Big Data), die scheinbar abseits jeder lebensweltlichen Verankerung das soziale Leben einer umfassenden Algorithmisierung und Berechenbarkeit unterwerfen.

Angesichts dieser ambivalenten und spannungsreichen Gemengelage im Kontext der gegenwärtigen »Wahrheitskrise« fragt die Tagung nach den spezifischen Einsatzpunkten, Perspektivierungen und Einsichten, die phänomenologische Ansätze für Fragen des Gegebenen und des Faktischen sowie der Faktizität und der Evidenzerzeugung zu liefern vermögen. Im Zentrum steht dabei das Problem des Verhältnisses zwischen wissenschaftlichen Tatsachen und soziopolitischen Realitäten sowie kulturellen Lebenswelten, das nicht zuletzt im Zuge der Globalisierung von Informationsflüssen und den damit einhergehenden interkulturellen Verflechtungen heute an Dringlichkeit gewinnt.

Bei diesen Fragen handelt es sich in der Tat um Kerngebiete der Phänomenologie. Denn in ihrer gesamten Geschichte – von Husserls Diktum »Zu den Sachen selbst!« und seiner Kritik am Positivismus resp. Psychologismus über Heideggers Abgrenzung der Wahrheit als aletheia von Formen faktischer Richtigkeit sowie seiner »Ding«-Analyse, Arendts Überlegungen zu Politik und Wahrheit sowie Levinasʼ These vom Vorrang der Gerechtigkeit gegenüber der Objektivität bis hin zu Marions Analysen des Gegebenen und Waldenfels’ Denken der »Bruchlinien der Erfahrung« – erweisen sich Fragen des Gegebenen, des Faktischen und der Faktizität, der Evidenz, der Objektivität und der Wahrheit als phänomenologische Grundprobleme. Dabei ist es vor dem Hintergrund des Tagungsthemas ein besonderes Anliegen, neben dem Aspekt deskriptiver Methodik vor allem das sach-kritische und zugleich eröffnende und »aufweisende« Potential phänomenologischer Forschung in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken.

Die Tagung möchte ein Forum bieten, diese und weitere phänomenologische Ansätze aus der Perspektive der Gegenwart neu zu lesen und für wissenschaftliche, soziale und politische Problemstellungen fruchtbar zu machen. Hierzu seien vier perspektivisch angelegte Zuschnitte vorgeschlagen. An erster Stelle stehen dabei phänomenologische und phänomenologiegeschichtliche Studien, in denen die in Rede stehenden Begriffe bei älteren und neueren Klassikern der Phänomenologie konturiert, herausgearbeitet und problematisiert werden. Zweitens sollen Beiträge zu Wort kommen, die in Hinblick auf das Problemfeld von Faktum, Faktizität und Wirklichkeit in einen konstruktiven Dialog zwischen der Phänomenologie und anderen aktuellen Theoriesträngen wie u.a. dem Neuen Realismus, der analytischen Philosophie oder dem Poststrukturalismus treten. Drittens gibt die Tagung auch phänomenologisch grundierten interdisziplinären Forschungen Raum (etwa in Bezug auf die Psychologie, die Kognitionswissenschaften, die Politikwissenschaft, die Soziologie und die Wissenschaftsgeschichte), die die Thematik auf die spezifischen Fragestellungen und Einsatzpunkte dieser Disziplinen hin fokussieren. Viertens sollen die phänomenologischen Perspektiven zum Problemkreis von Faktum, Faktizität und Wirklichkeit auch interkulturell geöffnet werden, wobei Ansätze der interkulturellen Philosophie sowie der postkolonialen Theoriebildung einzubeziehen sind, mittels derer angesichts des Tagungsprofils globale, differenztheoretische und transformative Problemstellungen zur Debatte gestellt werden.

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