Free Speech vs. Speech Codes? – Die Gegenwart politischer Konflikte in der Hochschulöffentlichkeit

Workshop der Sektion "Kulturen des Politischen" des Gießener Graduiertenzentrums Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften am 4. und 5. Juni 2020 an der Universität Gießen

Der aktuelle Streit um die gegenwärtige Verfasstheit der Debattenkultur an deutschen Hochschulen findet seinen Platz in einer sich gesamtgesellschaftlich zuspitzenden Auseinandersetzung um die Grenzen des Sagbaren. Was als diskriminierende Rede geächtet werden sollte und welche Äußerungen im Sinne der Redefreiheit als Teil eines demokratischen Diskurses zu tolerieren sind, hat sich in der jüngeren Vergangenheit auch in Deutschland zu einem politischen Thema ersten Ranges entwickelt. Mit der verfassungsrechtlich geschützten Wissenschaftsfreiheit nimmt die Institution Universität als Ort dieser Auseinandersetzungen eine besondere Stellung ein. Der Workshop widmet sich der zeitgenössischen Debattenkultur an deutschen Hochschulen und fragt nach den gesellschafts- und kulturwissenschaftlichen Implikationen dieser Debatte auf das Selbstverständnis der Universität sowie die hierbei implizit vorgenommene gesellschaftliche Selbstverortung der Universität.

Wenn der Deutsche Hochschulverband in einer Resolution vom 9. April 2019 mit Besorgnis feststellt, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung im Hochschulsektor zugunsten der »Rücksichtnahme auf weniger privilegiert scheinende gesellschaftliche Gruppierungen« sinkt, greift der Verband diese gesamtgesellschaftliche Debatte sowohl auf als auch in diese ein. Medial werden wir in regelmäßigen Abständen über Vorfälle an unterschiedlichen Hochschulstandorten informiert, bei denen Konflikte um die Grenzen dessen ausgetragen werden, wie akademische Redefreiheit zu definieren ist. Der politische Streit zwischen Redefreiheit und Schutz vor Diskriminierung wird hier unter den besondere institutionellen Rahmenbedingungen der akademischen Wissenschaftsfreiheit geführt und damit zum exemplarischen Ort der Aushandlung der Grenzen des Sagbaren in der Gegenwartsgesellschaft. Dieser an zahlreichen deutschen Hochschulen beobachtbare Konflikt wird nicht weniger vehement, polemisch und unversöhnlich ausgetragen als an seinem Entstehungsort im angloamerikanischen Hochschulraum. Umkämpfte Schlagworte wie Mikroaggressionen, Safe Space oder Trigger-Warnungen, die Durchsetzung von Redeverboten hier, der Vorwurf der politischen Zensur dort, die Umbenennung öffentlicher Gebäude, das alles erinnert nicht zufällig an die US-amerikanischen Culture Wars und die Political Correctness-Debatte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Als Symptome einer gesamtgesellschaftlich zunehmenden Polarisierung sind diese und ähnliche Konfliktanlässe auch im Zuge rechtspopulistischer Mobilisierungen zu betrachten, die sich unter spezifischen Voraussetzungen im Binnenraum der Hochschulöffentlichkeit niederschlagen. Zu klären ist hier, ob und inwiefern die aktuellen Konflikte Ausdruck, Ursachen oder Folgen von strukturellen und fachkulturellen Entwicklungsprozessen an der Universität darstellen, mithin von Organisationsentwicklungsprozessen, die nicht nur die formale Struktur der Institution Universität, sondern auch die wissenschaftlichen Disziplinen betreffen.

Ziel des Workshops ist es, die gegenwärtige Diskurslage aus unterschiedlichen interdisziplinären Perspektiven auszuleuchten, offene Fragen aufzuwerfen und die möglicherweise nachhaltigen Probleme für die (hochschul-)politische Kultur zu identifizieren, die sich in den aktuellen Konflikten abzeichnen.