Fremde im eigenen Haus

Vortrag von Prof. em. Dr. Dr. hc. Bernhard Waldenfels (Ruhr-Universität Bochum) in der Vortragsreihe: Kosmopolitismus, Krisen, Fremdheit und neue Weltordnungen

Ist der Mensch nicht Herr im eigenen Hause, so betrifft dies auch die Flüchtlinge, die uns als Gäste in Not heimsuchen. Die Flüchtlingsfrage ist so alt wie das Gastrecht. Auch Ödipus endet als umherirrender Asylant. Doch mit der Globalisierung vervielfältigt sich der Status des Flüchtlings. Für eine Phänomenologie des Fremden stellen sich Ankunft und Aufnahme der Schutzsuchenden als ein Doppelereignis dar, das immer wieder neue Antworten hervorruft. Die Gastlichkeit versteht sich nicht von selbst. Feindschaft läßt sich verstehen als verdrängte Fremdheit; dann aber stößt die Verdrängung nicht bloß auf eigene Wünsche und Ängste, sondern ebenso auf fremde Ansprüche. Levinas und Derrida betonen die Unbedingtheit der Gastfreundschaft. Doch diese verwirklicht sich  nur als Überanspruch, der die vorgegebenen Bedingungen übersteigt, in einer responsiven Politik, die in das Bestehende eingreift. Dabei stellen sich Fragen wie: Wer nimmt auf? Wo findet die Aufnahme statt, wie lange dauert sie? Welche Zwischeninstanzen kommen ins Spiel? Wo setzen Therapien an? Welche Perspektiven öffnen sich? Was wird den Ankommenden abverlangt? Gibt es nicht auch eine Infantilisierung der Opfer? Es bedarf einer Politik des Fremden, die Eigenes und Fremdes in ein neues Licht rückt. „Wir schaffen das‟ – wer sind wir, wer seid ihr?

Prof. em. Dr. Dr. hc. Bernhard Waldenfels
Professor emeritus der Philosophie (Ruhr-Universität Bochum)

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