Geschichte und Soziologie der Zukunft im 20. Jahrhundert: Die USA als 'Great Nation of Futurity'?

Nachwuchsworkshop am 14. und 15. Mai 2020 an der Universität Bielefeld

Im Jahre 1839 veröffentlichte der Publizist John L. O’Sullivan im Democratic Review einen Artikel mit dem Titel „The Great Nation of Futurity“. Sullivan sagte den noch jungen Vereinigten Staaten eine leuchtende Zukunft voraus und forderte ihre weitergehende Emanzipation von der Geschichte sowie den politischen und kulturellen Errungenschaften Europas. Allein dadurch könnten die USA die ihnen zugedachte Rolle als „Nation des Fortschritts, der individuellen Freiheit und der universellen Rechte“ einnehmen. Die von Sullivan entworfene Zukunft war dabei aus seiner Sicht ebenso erstrebenswert wie unausweichlich, war Utopie und Prognose zugleich. Die so genannte Progressive Era knüpfte semantisch an diesen Begriffshaushalt an und elaborierte ihn weiter. Begriffe wie Gleichheit, Freiheit, Wohlstand und (wissenschaftlich-technologischer) Fortschritt bildeten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wesentliche Elemente insbesondere US-amerikanischer Zukunftsimaginarien, die wiederum von dort aus in weite Teile der Welt ausstrahlten. Diese Zeit des Optimismus und des Vertrauens in einen „progress towards perfection, or at least towards improvement, enrichment, and rightness“ endete in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Berardi 2011: 18, vgl. Mende 2017), als Utopien ihre Überzeugungskraft verloren und durch Dystopien abgelöst wurden. Unterbrochen durch die kurze Hoffnung auf ein Ende der Geschichte (Fukuyama 1992) setzt sich dieser Trend bis heute fort und scheint sich – wie gegenwärtige Debatten um Kriege und Migration, Umwelt und Klimawandel oder die wirtschaftlichen Krisen der jüngeren Zeit nahelegen – sogar zu verstärken.

Diese Umbrüche in der gesellschaftlichen Zukunftssemantik korrespondieren mit Konjunkturen des Themas „Zukunft“ und „Zukunftsentwürfe“ in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Nach vor allem konzeptionell-theoretischen Bemühungen ab den 1960er Jahren (z. B. Koselleck 1979, Schütz 1972, Luhmann 1976, Bell & Mau 1971) und dem Aufkommen der global und systemisch perspektivierten Future Studies in den 1970er Jahren (vgl. Seefried 2018) erleben diese Themen besonders in den letzten Jahren wieder eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit. In der Soziologie versucht man sich an einer Verbindung älterer Konzepte mit neueren Ansätzen aus STS und ANT: Demnach gewinnen Annahmen über die Zukunft wie self-fulfilling prophecies nicht nur in einer imaginären Dimension ihre Wirkmächtigkeit, sondern auch und vor allem dadurch, dass sie sich materialisieren (Tutton 2017). In der Geschichtswissenschaft wird an einer Auffächerung und Differenzierung methodischer und theoretischer Konzepte gearbeitet, um historische Zukunftskonstruktionen unter den Bedingungen der Perspektivenpluralität angemessen in den Blick nehmen zu können; aus vergangener Zukunft werden vergangene Zukünfte (Graf & Herzog 2016). Nicht zuletzt verweisen zahlreiche Titel von Tagungen, Graduiertenkollegs und Forschungsclustern auf eine Hochkonjunktur des Zukunftsbegriffs.

Im Vordergrund rezenter historischer wie auch soziologischer Diskussionen um vergangene Zukunftsentwürfe stehen insbesondere deren Entstehungskontexte und -bedingungen, ihre intendierten wie tatsächlichen Umsetzungen und ihre diskursive oder institutionelle Wirkmächtigkeit. Den Forschungsdesigns solcher Untersuchungen liegen oftmals nationale Kontexte zugrunde. Dabei fällt jedoch auf, dass US-amerikanische Zukunftsentwürfe zumeist im euroatlantischen Kontext (und nicht beispielsweise in ihren Verflechtungen mit Zukunftsentwürfen aus dem Globalen Süden) und gelegentlich als Vergleichsfolie für auf europäische Nationen bezogene Fallstudien betrachtet werden. Nur vereinzelt treten sie als eigenständiger Untersuchungsgegenstand in Erscheinung. Als Ausnahme ist hier der von Thomas Etzemüller herausgegebene Band Ordnung der Moderne (2009) zu nennen, der mit dem Blick auf gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen im euroatlantischen Raum wichtige Anknüpfungspunkte für die Analyse von Zukunftsentwürfen (auch innerhalb der USA) bietet. Zugleich ist im Bereich der Amerikastudien eine genuine Beschäftigung mit Zukunftsentwürfen weitgehend ausgeblieben.

Mit dem Nachwuchs-Workshop „Geschichte und Soziologie der Zukunft im 20. Jahrhundert“ im Rahmen des SFB 1288 „Praktiken des Vergleichens“ setzen wir uns zum Ziel, dieser doppelten empirischen Leerstelle konstruktiv zu begegnen, und nehmen deshalb gezielt die Besonderheiten US-amerikanischer Zukunftsentwürfe sowie ihre spezifischen transatlantischen bzw. globalen Effekte im 20. Jahrhundert in den Blick. Besonderes Augenmerk gilt dabei unter anderem der Frage nach dem handlungsleitenden Potenzial zeitlich codierter Vergleiche im Zusammenhang mit angestrebten gesellschaftlichen Ziel- und Idealvorstellungen.