Gewalt als Legitimationsproblem

Vortrag von Tobias Werron im Rahmen der Vortragsreihe "Organisation, Dauer und Eigendynamik von Gewalt" an der Universität Bielefeld

Nimmt die Gewalt in der Moderne ab oder zu? In der Literatur stehen sich zwei Lager mehr oder weniger unversöhnlich gegenüber: Eine optimistische Position, die Gewalthandeln als immer seltenere Abweichung oder Anomalie begreift; und eine pessimistische Gegenposition, die annimmt, dass dem Ideal der Gewaltlosigkeit die menschliche Natur selbst im Wege steht. Der Vortrag schlägt eine dritte Alternative vor: Statt über Modernisierungseffekte oder anthropologische Konstanten zu spekulieren, sollten wir versuchen, die sozialen Konstellationen präzise zu analysieren, in denen Gewalthandeln möglich und wahrscheinlich werden kann. Dann wird die empirische Beobachtung wichtig, dass private und staatliche Konfliktakteure seit dem 19. Jahrhundert zunehmend mit der Erwartung konfrontiert werden, auf Gewalt möglichst zu verzichten. Das führt nicht zwingend zum Rückgang von Gewalt, wie die Modernisierungsoptimisten meinen. Aber es stellt Gewalt vor ein Legitimationsproblem: Es macht Gewalthandeln zu einer Option, die mit der ablehnenden Beobachtung durch Dritte und also mit Legitimitätsverlusten rechnen muss, zugleich aber auch mit Aufmerksamkeitsgewinnen rechnen kann. Der Vortrag diskutiert theoretische Prämissen dieser These und erläutert sie an ausgewählten Beispielen.

Weitere Informationen (Link)