…Humanities

Jahrestagung der Gesellschaft für die Geschichte der Wissenschaften, der Medizin und der Technik e. V. (GWMT) vom 24. bis zum 26. September 2020 an der Universität Erfurt

Der Vorstand der Gesellschaft für die Geschichte der Wissenschaften, der Medizin und der Technik e. V. (GWMT) lädt in Kooperation mit der Professur für Wissenschaftsgeschichte der Universität Erfurt ein zu Vortrags- und Sektionsanmeldungen für die vierte Jahrestagung der Gesellschaft in Erfurt.

Unter dem Titel „…Humanities“, widmet sich die Jahrestagung der GWMT 2020 vornehmlich der Geschichte der Geisteswissenschaften.
Damit soll sowohl einem immer noch relativ jungen Forschungsfeld der Wissenschaftsgeschichte Rechnung getragen, vor allem aber auch die Selbstreflexion der Wissenschafts-, Medizin- und Technikgeschichte als Geisteswissenschaften zum Gegenstand gemacht werden. Dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass sich die Vertreter_innen dieser Richtungen als Geisteswissenschaftler_innen begreifen, sondern sich vielleicht eher als Wissenschaftsforscher_innen, Kulturwissenschaftler_innen oder Sozialwissenschaftler_innen verstehen, verweist bereits auf die grundlegende Problematik selbst.

Thema ist daher nicht nur die Wissenschaftsgeschichte der klassischen Geisteswissenschaften bzw. Humanities (u. a. Geschichtswissenschaften, Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte, Musik-, Rechts-, und Religionswissenschaften) nebst ihren Abgrenzungsbemühungen gegenüber den Natur- und Sozialwissenschaften, sondern auch die Genealogie der Geisteswissenschaften über ihre mit dem cultural turn verbundenen Nachjustierungen hinaus bis hin zu den jüngsten Formen der …Humanities: den neuerdings ubiquitär auftauchenden Bindestrich-Geisteswissenschaften, die sich nicht im Sinne der (oft etwas unterkomplex gedeuteten) Digital Humanities um die digitale Konservierung geisteswissenschaftlicher Quellen bemühen, sondern sich beispielsweise als kulturalistisch verfahrende Ökowissenschaften, als Environmental Humanities, verstehen; die als Blue Humanities die Kulturalisierung und Fragmentierung des Meeres anstreben; die als HumTech die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Geistes- und Ingenieurwissenschaften neu vermessen; oder als Medical Humanities den geisteswissenschaftlichen Zugriff verlassen und transdisziplinär und multiperspektivisch zwischen Medizin und Humanities arbeiten.

Dabei ist aufschlussreich, dass die „Humanities“, die im Englischen die klassischen Geisteswissenschaften bezeichnen, im jüngeren deutschen Wissenschaftsenglisch eher im Sinne von Humanwissenschaften als Wissenschaften vom Menschen verstanden werden. Tendenziell weisen die neuen …Humanities über die Grenzen der klassischen Geisteswissenschaften hinaus und scheinen damit auf Grenzauflösungen bzw. einen Abschied von Dichotomien, wie denen zwischen Körper und Geist oder Natur und Kultur, hinzudeuten. Dabei lässt sich natürlich fragen, ob diese Grenzen jemals in der Eindeutigkeit und Klarheit bestanden haben, die die wissenschaftspolitischen Auseinandersetzungen um die zwei (oder mehr) Kulturen suggeriert haben. Dass es antihumanistische (Vertreter_innen der) Humanities gibt, macht diesen Zusammenhang ebenso deutlich, wie die begrifflichen Schwierigkeiten, die sich mit den neuen Selbstbezeichnungen verbinden: Stehen die Kulturwissenschaften seit den 1990er Jahren den Naturwissenschaften im Sinne der Kultur/Natur-Trennung deutlicher gegenüber als zuvor die Geisteswissenschaften? Umfasst Kultur das Soziale der Sozialwissenschaften? Und war die Scheidung von Geistes- und Naturwissenschaften denn früher – etwa um 1900 – eindeutiger? Welche Rolle spielen die polemischen Zuspitzungen wissenschaftspolitischer Entwicklungen und Auseinandersetzungen von Windelband über die Science Wars bis zur Post-Faktizität?

Solche Fragen sollen auf der Jahrestagung ebenso diskutiert werden, wie konkrete Untersuchungen am Material, in denen sich die Anwendung der Ansätze der jüngeren history of science auf die Geisteswissenschaften im weiten Sinne zeigt, also zum Beispiel die Analyse von geisteswissenschaftlichen Praktiken, ihren materiellen und medientechnischen Erkenntnissystemen, ihren epistemischen Tugenden und politischen Epistemologien.

Kontakt

Alexander v. Schwerin
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
schwerin[at]mpiwg-berlin.mpg.de