Im Alter anders? Zur Bedeutung von Devianz und Abweichung in Zeiten zunehmender Langlebigkeit

Frühjahrstagung der Sektion Alter(n) und Gesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Kooperation mit dem Frankfurter Forum für interdisziplinäre Alternsforschung (FFIA), Goethe-Universität Frankfurt

Die Lebensphase Alter ist durch eine zunehmende Heterogenität gekennzeichnet, die in unterschiedlichen Lebensweisen Ausdruck findet und durch strukturelle und kulturelle Veränderungen bedingt ist. In Europa erreichen zunehmend auch Personen(-gruppen) ein höheres Lebensalter, die auf Grund gesundheitlicher Einschränkungen und fehlender Behandlungsmöglichkeiten früher keine hohe Lebenserwartung hatten (Menschen mit chronischen Erkrankungen wie z. B. HIV, Menschen mit Behinderungen wie z. B. Down Syndrom, drogensüchtige Menschen usw.). Diese sog. „New Ageing Populations“ erleben, wie die sozialen Herausforderungen ihrer gesundheitlichen und körperlichen Abweichung sich mit zunehmendem Alter potenzieren, z. B. durch Altersarmut auf Grund brüchiger Erwerbsbiografien oder fehlender Erwerbstätigkeit im Lebenslauf. Neue Altersbilder sowie veränderte Vorstellungen davon, wer und was als deviant oder abweichend gilt (z. B. Straffälligkeit, Obdachlosigkeit), bzw. nicht mehr als solches gilt (z. B. Homosexualität), führen zu unterschiedlichen, manchmal sogar paradoxen Phänomenen. So werden ältere Menschen nicht nur als Opfer krimineller Taten gesehen, sondern zunehmend auch als Täter. Ältere homosexuelle Menschen, die im Erwachsenenalter eine Legalisierung sowie gesellschaftliche Öffnung erfahren haben, befürchten nun, im Alter bei einem offenen Umgang mit ihrer sexuellen Identität in stationärer Pflege- oder Behandlungssettings, wieder stigmatisiert zu werden. Zunehmende Langlebigkeit und veränderte gesellschaftliche Anerkennung ermöglichen einerseits heterogene Lebensentwürfe im Alter, anderseits ergeben sich auf institutioneller, gesellschaftlich-sozialer sowie individueller Ebene Herausforderungen (z. B. LSBT-spezifische Alten- und Pflegeheime, WGs für Menschen mit sog. geistiger Behinderung nach institutioneller Unterbringung oder Tod der Eltern).

Doch was bedeutet jeweils „deviant“? Soziologische Etikettierungsansätze gehen davon aus, dass Devianz kein Merkmal spezifischer Personen oder Handlungen ist, sondern aus einem interaktiven Zu-schreibungs- und Internalisierungsprozess resultiert. Welche Weisen der Lebensführung „normal“ und welche „abweichend“ sind, wird in dieser Perspektive sozial ausgehandelt und kann sich mit der Zeit verändern. In Anbetracht der Pluralisierung der Lebensformen, der Lebensstile und der Lebensführung stellt sich die Frage neu, was im höheren Alter akzeptiert wird, was tabuisiert wird (z. B. Sexualität) und was stigmatisiert wird (z. B. Pflegebedürftigkeit). Neben der Definition des Abweichenden verändern sich auch die Art und Weise der Stigmatisierung und Sanktionierung, wie das Beispiel der Homo-sexualität zeigt.

Betrachten wir Devianz aus einer Lebenslaufperspektive, kann zudem unterschieden werden zwischen „Lifetime Persisters“ und „SpäteinsteigerInnen“– also einerseits Menschen, die ein Leben lang eine Karriere als AußenseiterIn aufgebaut haben, und andererseits solchen, die erst im höheren Alter „deviant“ werden. Zur Lebenslaufperspektive gehören auch normative Vorstellungen darüber, welche biografischen Meilensteine wann erreicht sein sollten. Was bedeutet es für Personen alt zu werden, die in der Gewissheit lebten, dass sie kein mittleres oder hohes Lebensalter erreichen würden? Oder was bedeutet es, bestimmte Meilensteine (z. B. heiraten, Kinder bekommen) nicht erreichen zu können? Hier scheint es Raum für konzeptionelle Überlegungen zu geben, Randgruppen in der Alterns-forschung zu thematisieren.

Beiträge zur Veranstaltung können sich mit einem oder mehreren der folgenden Themen auseinandersetzen:

• Biografie, Devianz und Stigma: Wie entwickeln sich Devianz und Stigma in der Biografie und welchen Einfluss hat das auf die Lebensphase Alter? Was verändert sich z. B., wenn bestimmtes Verhalten im Alter nicht mehr als deviant gilt?

• Ungleichheit, Prekarität und Alter(n): Welche gesellschaftlichen Bedingungen führen dazu, dass ältere Menschen deviant erscheinen? Wie und wo wird Devianz im Alter sichtbar, wo bleibt sie unsichtbar?

• Potentiale der Devianz: Bietet Devianz die Möglichkeit, sich normativen Vorstellungen vom Leben im Alter zu widersetzen?

• Veränderte Rollen und Devianz: Können die Biografien von „New Ageing Populations“, die ohne Rollenvorgabe älter werden, für andere Personen(-gruppen) wegweisend werden (vgl. Giddens „prime everyday experimenters“)?

• Reflexivität und Forschungspraxis zu Devianz: Was wird in der Alter(n)sforschung tabuisiert, ausgeblendet, erzeugt oder übersehen?

Zum Call for Papers (PDF)

Organisation: Dr. Miranda Leontowitsch, Interdisziplinäre Alternswissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt und Sektion Alter(n) und Gesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS); Dr. Anna Wanka, DFG Graduiertenkolleg Doing Transitions, Goethe-Universität Frankfurt; Prof. Dr. Frank Oswald, Interdisziplinäre Alternswissenschaft und Frankfurter Forum für interdisziplinäre Alternsforschung (FFIA), Goethe-Universität Frankfurt