Im Osten was Neues?

Tagung vom 29. bis 30. Oktober 2020 an der Hochschule Mittweida

Intersektionale– Migrantische– BIPoC Perspektiven auf 30 Jahre (Wieder-) Vereinigungsprozess in Ostdeutschland

„ (…) Hättest Du auch mit mir gefeiert an der Bornholmer Straße, am Grenzübergang
Heute?
Bin ich Teil deiner Geschichtserzählung
Weißt du was ich für Geschichten erzähle
Weißt du was Nguyễn oder Jawad oder Helao zu erzählen haben
Kanntest du sie? Kennst du sie heute?
Fragst du dich auch, was ich denke, wenn ich das Wort „Wende“ höre (…)“

Diese Zeilen aus dem Gedicht „Brennende Sonnenblumen und Knusperflockenerinnerungen“ von Stefanie Lahya Aukongo (2020), eine in der DDR aufgewachsene Schwarze, queere Künstler*in, reflektieren eine von vielen Perspektiven und Erfahrungen von Menschen, die in den dominanten, normativen, oft linearen Erinnerungs- und Transformationsnarrationen an dreißig Jahre deutschdeutsche  Vereinigung oft unsichtbar geblieben sind.

Die gängige und einseitige „Erfolgsgeschichte der Deutschen Einheit“ spiegelt die vielschichtige Bedeutung der Wende und des Transformationsprozesses für migrantische, diasporische und weitere intersektional marginalisierte BIPoC Perspektiven kaum wider. Was wissen wir eigentlich (noch nicht, oder nicht ausreichend) über den Nachwende- bzw. Transformationsprozess im Osten bis zum diesjährigen Jubiläum „30 Jahre Deutscher Einheit“? Auf der Tagung sollen vielfältige, bislang selten gestellte Fragen hör-, sicht- und diskutierbar werden.

Die ehemalige DDR, und Ostdeutschland heute, war, ist und bleibt eine Migrationsgesellschaft. Vertragsarbeiter*innen, internationale Auszubildende und Studierende, politische Immigrant*innen, damals „Ausländer“ in der DDR, heute Ostdeutsche. Dazu zählen auch neue Generationen von Migrant*innen mit und nach der Wende. Sie alle haben auch Geschichte(n), Erfahrungen, Erinnerungen, sind Teil des Transformationsprozesses und gestalten heute die „neue Gesellschaft“ im Osten, wie im Westen, mit. Auch sie haben gelebt und gekämpft, und tun dies weiterhin. Als Akteur*innen, ob Einzelkämpfer*innen, in Kollektiven oder in Bewegungen, haben auch sie mit und nach der Wende Umbrüche und Aufbrüche, Erfolge und Verluste durchlebt. Besonders für marginalisierte Communities und BIPoC Generationen heute ist dieses Wissen und diese Geschichte(n) zentral für ihre historische Verortung und gegenwärtige Positionierungen. Sie sind heute wichtige Referenzen für ihre Kämpfe und Bewegungen, aber auch für gesamtgesellschaftliche Prozesse. Diese marginalisierten Erzählungen eröffnen komplexe Reflexionsräume für kollektives, intergenerationales, intersektionales, Community- übergreifendes und widerständiges Erinnern – Lernen und Gestalten (vgl. Piesche 2019, S.5ff., Labor 89).

Die Auftakttagung des Forschungsprojektes „30 Jahre Deutsche Einheit: Migrantische Perspektiven auf den Wiedervereinigungsprozess in Ostdeutschland“ wagt einen solchen Reflexions- und Gestaltungsraum zu initiieren, bestehendes kollektives Wissen, Narrationen aus den verschiedenen Communities und Feldern zusammenzubringen, und neue Perspektiven sichtbar zu machen.

Das Forschungsprojekt wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushaltes. In Ergänzung zu bereits geladenen Stimmen, möchten wir weitere Forschende, Studierende und Personen aus Kunst und Kultur, Aktivismus und Praxisarbeit migrantischer Selbstorganisationen (MSO) einladen, ihre themenrelevanten Aktivitäten, Projekte, Forschungen, Studien oder Abschlussarbeiten mit den Teilnehmer*innen der Tagung zu teilen.

Zum CfA (PDF)