Jacques Rancière und die Sozialwissenschaften

Nachwuchs-Workshop der GGS-Sektion »Kulturen des Politischen« an der Universität Gießen

Einen Fürsprecher haben die Sozialwissenschaften in dem französischen Philosophen Jacques Rancière wahrlich nicht gewonnen. Sein grundsätzlicher Vorwurf lautet, dass sozialwissenschaftliche Analysen soziale Strukturen nicht einfach neutral abbilden, sondern performativ an deren Verfestigung mitwirken, ihre Beschreibungen mithin Festschreibungen der sozialen Ordnung vollziehen und folglich nur das bestätigen, was der soziologische Blick sehen will. Rancières Urteil ist demzufolge rigoros: Die Sozialwissenschaften, auch die ihrem Selbstverständnis nach kritischen Ansätze, sind Teil der herrschaftlichen Ordnung.

Der Workshop der GGS-Sektion »Kulturen des Politischen« der JLU Gießen möchte genau diese prekäre Konstellation zwischen Rancière und »den« Sozialwissenschaften aufgreifen und zum Gegenstand eines intensiven Austauschs über die Anschlussmöglichkeiten Rancières in der sozialwissenschaftlichen Diskussion machen. Während Rancière in benachbarten Disziplinen wie den Politik-, Literatur-, Kultur- und Filmwissenschaften breit rezipiert wurde, die Hochzeit der Debatte hier bereits vorüber zu sein scheint, hat ihn die soziologische Diskussion nur vereinzelt und punktuell zur Kenntnis genommen. Ist die Stimme des politischen Philosophen nur ein unhörbarer Lärm im soziologischen Diskurs? Sollten wir Rancières philosophischen Spott auf die Sozialwissenschaften, der sich stellvertretend für die Disziplin vor allem über Pierre Bourdieu ergossen hat, einfach nur achselzuckend registrieren, oder bietet dieses Unvernehmen nicht hinreichend Anlass für einen lohnenswerten Streit darüber, worin die Rezeption von Rancière auch soziologisch produktiv sein könnte? Der Workshop möchte eine Bestandsaufnahme der Resonanzen und Irritationen von Rancières Politischer Philosophie in Soziologie, Sozialtheorie und Sozialwissenschaften vornehmen, ungenutzte Anknüpfungspunkte zur Sprache bringen und ebenso Möglichkeiten zum soziologischen Einspruch gegen Rancière erörtern.

Zum Call for Papers (bis 30. April 2016)