„Kein Kinderspiel“. Kulturgeschichte(n) des Impfens

Tagung

Malaria, Dengue, HIV, Ebola, Influenza, Diphtherie und Masern. Infektionskrankheiten waren und sind ein globales Gesundheitsproblem. In ihrer jährlich publizierten Liste der Top-Ten-Bedrohungen für die globale Gesundheit listet die WHO in variierender Reihenfolge mehrere dieser Erkrankungen als permanente oder akute Problemfelder auf. Gegen viele dieser Infektionskrankheiten hat die Medizin Prophylaxen oder präventive Impfungen entwickelt, die in nationalen und internationalen Programmen zur Anwendung kommen. Der Erfolg dieser Programme bleibt jedoch teilweise hinter den Erwartungen zurück. Soziokulturelle, religiöse, ökonomische, politische, technische und logistische Gründe zeichnen in unterschiedlichem Ausmaß dafür verantwortlich, dass propagierte nationale respektive internationale Gesundheitsziele nicht erreicht werden. Zudem ortet die WHO im Phänomen der Impfvermeidung und Impfverzögerung (Vaccine hesitancy) ein wachsendes Risiko, weshalb sie dieses 2019 erstmals in die Liste der zehn aktuellen Gefährdungen der globalen Gesundheit aufgenommen hat. Im europäischen Kontext traf die Kampagne der WHO auf eine, durch regional wiederholte Masernausbrüche sensibilisierte, (digitale) Medienlandschaft. Scheint für die breite Öffentlichkeit die Frage des Impfens ein Gegenwartsproblem darzustellen, zeigt der Blick in die Geschichte, dass Konflikte und Diskurse um das Impfen seit dessen Anfängen mit der Pockenschutzimpfung im 18. Jahrhundert die politisch und medizinisch lancierten Impfkampagnen begleiten. Malte Thießen wertete diese Kontinuität als ein Spezifikum der Geschichte des Impfens und betonte deren longue durée. Seit über 20 Jahren wird in den Humanities in unterschiedlichen regionalen Kontexten eine Konfliktgeschichte des Impfens verhandelt, die nun neue Aktualität bekommt. Impfen war und ist in doppeltem Sinne „kein Kinderspiel“: zum einen betrifft es nicht das Kindesalter allein, zum anderen ist es kein „Spiel“, sondern wird von sehr vielen Menschen – Impfgegnern wie Impfbefürwortern – als eine höchst ernste Angelegenheit erlebt. Das Thema rührt unmittelbar an unsere Konzeptionen von Gesundheit und persönlicher Integrität, es erzeugt Druck und Konflikte und provoziert Ängste – damals wie heute. Diesem Spannungsfeld will die Tagung nachspüren.

Als Keynote wird Malte Thießen (Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte) zum Thema „Immunität als soziale Sonde: Perspektiven einer Sozial- und Kulturgeschichte des Impfens“ sprechen.

Tagungssprachen: Deutsch und Englisch.

Kontakt:
Dr. Marina Hilber
Universität Innsbruck
Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie
Innrain 52
6020 Innsbruck
Marina.Hilber(at)uibk.ac(dot)at