Keuschheit. Mütterliche Männer, männliche Frauen

Vortrag von Barbara Vinken im Rahmen der Ringvorlesung „Kulturtheoretische Wandlungen. Hat sich ein katholischer Tonfall in den Kulturtheorien herausgebildet?

Ringvorlesung: Kulturtheoretische Wandlungen. Hat sich ein katholischer Tonfall in den Kulturtheorien herausgebildet? 

Veranstaltet von Mario Grizelj und Julian Müller, Institut für Deutsche Philologie und Institut für Soziologie der LMU München (Programm)

Entgegen der Neubestimmung ‚der‘ Religion bzw. ‚des‘ Religiösen im Rahmen des sogenannten religious turn gibt es Stimmen, die behaupten, dass man inmitten vordergründiger Modernisierungs- und Säkularisierungsbewegungen – gerade in Deutschland – doch stets so etwas wie einen fast unmerklichen, aber doch dominanten protestantischen Zug ausmachen konnte, der das Denken und Forschen, Fragestellungen und Methoden bestimmt hat. Jürgen Habermas etwa spricht von einem „protestantischen Hauptstrom des deutschen Denkens seit Kant“ und kommt nicht umhin, sich hierzu selbst hinzuzurechnen. Damit soll nicht nur der sich in Wertdiskussionen und Bildungsdebatten äußernde sogenannte ‚Kulturprotestantismus‘ gemeint sein, auch nicht allein die Tradition der sich aus dem Milieu der Pfarrerssöhne und -töchter rekrutierenden elitären Intelligenz deutscher Dichter und Denker, sondern vor allem die grundsätzlich protestantische Wort- und Bestimmungsgläubigkeit. Wie auch immer das Verhältnis von Transzendenz und Immanenz, von der Welt der Menschen und der Welt Gottes zu fassen, wie schwerwiegend spirituelle und gesellschaftliche Krisen auch immer sein mögen, es gibt die Schrift und es gibt das Wort, auf die Verlass sein kann. Verlass im Rahmen einer denotativen und abgeklärten Rede, die auf die konsensuelle Kraft des vernünftigen Wortes und des besseren Arguments vertraut. Polemisch ließe sich durchaus sagen, dass gerade in Deutschland Protestantismus und Rationalisierung in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis, ja tatsächlich in einem Verhältnis der mise en abyme zueinander stehen, das sich in Institutionen ebenso niedergeschlagen hat wie in einem Werte- und Bildungskanon, in Karriere- und Rollenmustern, in Formen der Selbstdisziplinierung oder einem spezifischen Arbeitsethos.

Wenn hier also von ‚kulturtheoretischen Wandlungen‘ die Rede ist, dann geht es nun nicht darum, dem Protestantismus ideologisch oder ideengeschichtlich, vor allem auch nicht theologisch zu begegnen, sondern schlicht darum, einen anderen Weg einzuschlagen, um womöglich auch auf andere Fragen zu kommen. Lässt sich also, so die offene Perspektive dieser Ringvorlesung, versuchsweise und zugegebenermaßen auch sehr freihändig eine Form von Katholizismus in Anspruch nehmen, um der immer noch dominanten Privilegierung der Sprache und einer Engführung des Sprechens auf Intentionalität, Bedeutung und Verständigung eine Alternative vielleicht nicht entgegen-, jedoch hinzuzustellen?

Um es klar zu formulieren: Unserer Idee der ‚kulturtheoretischen Wandlungen‘ geht es keineswegs um so etwas wie eine konfessionelle Frontstellung, als vielmehr um die Erprobung eines Zugangs, der Redeweisen, Tonlagen, Äußerungsformen, ästhetische und rhetorische Strategien in den Mittelpunkt rückt. In diesem Sinne zielt dieser nichtkatholische Katholizismus nicht etwa auf die Austreibung des Protestantischen aus den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften ab, sondern will ein Vokabular und eine Methodik in Aussicht stellen, die nicht schon immer mit einer Privilegierung der Information vor der Transformation, der Intentionalität vor der Praxis, des Inhalts vor der Form beginnt. Ob sich ein derartiger Zugang tatsächlich als tragfähig für kulturtheoretische und sozialwissenschaftliche Forschung erweist, gilt es zu diskutieren.

Donnerstags, 18 Uhr c.t., Schellingstr. 3, VG S 002