Klassenfahrten, Schullandheime und Exkursionen als nichtalltäglicher Erlebnisraum schulischer Vergemeinschaftung. Erkundungen des schulbezogenen Gruppenreisens

Tagung

Organisierte Gruppenreisen für Kinder und Jugendliche stehen in langer Tradition und gehören zum festen Bestandteil zivilgesellschaftlicher Freizeitangebote ebenso wie zur Jugendarbeit und Jugendhilfe. Zentrale Merkmale dieser Veranstaltungen sind eine grundsätzliche Freiwilligkeit der Teilnahme, die wertepluralistische Angebotsstruktur des gesamten Reisesystems und die oft durch bürgerschaftlichehrenamtliches Engagement gestützte Organisationsform. Organisatorisch ähnlich und doch in Vielem vollkommen anders stellt sich die Gruppenreise als Schulveranstaltung – vielfach beschrieben als Klassenfahrten, Schullandheim-Aufenthalte, mehrtägige Projekttage, Exkursionen, Schulaustauschfahrten – als ein Reiseformat für Kinder und Jugendliche dar. Der Kontrast bei den genannten Basismerkmalen ist enorm: So erscheint die Teilnahmefreiwilligkeit aufgrund des i. d. R. schulpflichtigen Kontextes begrenzt und das Angebot der Wertevermittlung ist entweder nicht intendiert oder – etwa bei Jugendbegegnungen oder Gedenkstättenfahrten – curricular verankert. Die Organisation ruht ferner auf den Schultern professioneller Lehrkräfte, für die es sich um ein mit wenig Anerkennung versehenes Zusatzengagement handelt, oder wird von professionellen Programmgestalter(inne)n der schulischen Kooperationspartner(innen) (z.B. Jugendherbergen, Jugendbildungsstätten oder Gedenkstätten) gewährleistet.

Klassenfahrten, Schullandheim-Aufenthalte und andere Exkursionsformate stehen im Spannungsfeld zwischen Freizeittourismus, Vergemeinschaftungserwartungen und informellem wie formalem Lernen. Damit überspannen sie ein weites und ambivalentes Spektrum an nichtalltäglichen Erlebnispotenzialen. Die Forschungslage in einschlägigen fachwissenschaftlichen Publikationen zur Schulforschung wie auch zur Kinder- und Jugendarbeitsforschung ist dünn bis überschaubar. Es gibt zwar zur Geschichte der Schullandheimveranstaltungen in der NS-Zeit sowie zu unterschiedlichen thematisch spezifizierten Lehr-Lern-Formaten einiges an forschungsspezifischer Reflexion, nicht aber über die Wirkungen solcher Gruppenreisen auf die beteiligten Individuen – also Schüler(innen), Lehrer(innen) und Programmanbieter(innen), aber auch auf die entsendenden Schulen und Familien bis hin zu Kommunen und Regionen. Hinweise auf solche Wirkungen sind den Erfahrungen dieser Personen zu entnehmen, die diese während einer Veranstaltung, im Anschluss an eine solche oder im längerfristigen Rückblick entwickeln. Somit lassen sich folgende Fragen aufwerfen, denen im Rahmen der geplanten Tagung nachgegangen werden soll:

  • Welche Organisationsformen von mehrtägigen schulbezogenen Gruppenreisen gibt es und was sind wiederkehrende bzw. spezifizierende Strukturelemente?
  • Welche Arten von (nichtalltäglichen) Erlebnissen, Erfahrungen und Erinnerungen sind mit diesen Organisationsformen von mehrtägigen schulbezogenen Gruppenreisen verbunden?
  • Welche (sozial-)theoretischen Angebote gibt es für die sozialwissenschaftliche Reflexion dieser Gruppenreiseformate?
  • Welche Chancen und Risiken wohnen mehrtägigen schulbezogenen Gruppenreisen aus soziologischer, pädagogischer, juristischer oder psychologischer Sicht inne?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die pädagogische Gestaltung solcher Fahrten, für die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften, für die politischen und organisatorischen Rahmenbedingungen und für die systematische Zusammenarbeit zwischen den Spezialisten des Jugendreisens (Jugendarbeit bzw. kommerzielle Träger) und der Schule?