Körper_Grenze. Über den Zusammenhang von Körperlichkeit, Raum und Gewalt

Workshop für Doktorand*innen und Post-Docs vom 11.–12. Oktober 2018 an der Universität Straßburg

Noch bis vor wenigen Jahren erschien es vielerorts einleuchtend, im Zuge des Globalisierungsdiskurses und der gelebten Praxis zumindest eines Teils der Weltbevölkerung von einer „borderless world“ zu sprechen (vgl. Ohmae 1990). Mittlerweile wurden jedoch viele Zweifel an dieser Einschätzung geäußert (Newman 2006; Ó Tuathail 2000). Angesichts von Renationalisierungstendenzen und aktuellen Grenzziehungen weltweit lässt sich eher von einer „Gemengelage aus Öffnungen und Schließungen“ (Schroer 2017) sprechen. Niemand wird dies stärker bekräftigen können als jene „border dwellers“ (Agier 2015), die an den Außengrenzen des sogenannten globalen Nordens ausharren und dort physische Grenzerfahrungen erleben – und durch deren Körper die Grenze oftmals erst sichtbar gemacht wird. Unvergessen bleibt etwa das Bild afrikanischer Geflüchteter, die auf dem meterhohen Grenzzaun von Melilla ausharrten, während in unmittelbarer Nähe Bälle auf einem Golfplatz abgeschlagen wurden.

Gegenwärtig und historisch lässt sich konstatieren, dass es oft eine asymmetrische Anordnung von Menschen in Grenzgebieten gibt: Für die einen leicht passierbar, erscheinen Grenzen für andere unbezwingbar und werden (unter Gefahren) dennoch überwunden: Grenzgänger*innen sind Grenzregimen nicht nur unterworfen, sondern verfügen über eine agency. Aus der Perspektive dieser ersten Analyseachse – Körper an/auf/über Grenzen – wird nach dem räumlichen Verhältnis der Körper zur Grenze gefragt: Welche Formen von körperlichen Erfahrungen der Rechtlosigkeit, Gewalt und Verletzlichkeit gibt es an Grenzen? Welche Konsequenzen hat die Grenzüberschreitung sowohl für die Körper als auch für die grenzmarkierenden (z. B. nationalstaatlichen) Ordnungen? Inwiefern werden Körper hier zum Gegenstand von Macht und welches Wissen wird (über sie) produziert? Welche biopolitischen, sozialen, rassistischen und vergeschlechtlichten Segregationsfunktionen können Grenzen annehmen? Welche körperlichen Praktiken finden an der Grenze statt?

Die zweite Analyseachse – Grenzen in/an/durch Körper(n) – fragt nach Grenzen aus einer Perspektive des Körpers. Kritische Ansätze aus den Sozialwissenschaften, wie zum Beispiel die Gender Studies, haben dazu beigetragen, Körper- und Geschlechtergrenzen im Sinne eines binären Verständnisses zu dekonstruieren. In diesem Zusammenhang kann auch gefragt werden, wie die eigene Integrität und Unversehrtheit vor (sexuellen) Grenzüberschreitungen geschützt werden kann. Im Anschluss an neuere leibphänomenologische Überlegungen wird das Verhältnis von Körper und Welt in Bezug auf Räumlichkeit und die performativen Übergänge in/an/durch Grenzerfahrungen neu justiert. Äußere Grenzmarkierungen können einen Einfluss auf das Innere des Körpers haben, so ist es beispielsweise möglich, dass Machtverhältnisse und (Gewalt-)Erfahrungen sich als Körpererfahrung durch eine leiblich-affektive Betroffenheit individuell bemerkbar machen. Aus der Perspektive dieser Analyseachse kann gefragt werden: Welche Grenzen gehen durch Körper hindurch und wie äußern sich diese? Wie lassen sich gängige Vorstellungen von „Innen“ und „Außen“ neu denken? Wie drücken sich Brüche und Übergänge im und am Körper aus?

Die zentrale Fragestellung der Tagung bezieht sich auf die Konstitution und Wechselwirkung von Grenzen und Körpern. Wir gehen davon aus, dass Beiträge der kritischen Grenz(regime)forschung, der Geschlechterforschung mit einem Interesse für (rassifizierte) Körper(grenzen) und andere kritische Forschungsstränge in einen fruchtbaren und überfälligen Dialog gebracht werden können. Konkreter noch sollen unsere Fragen und Themen konzeptuell aufgeteilt werden und einerseits Körper an/auf/über Grenzen betrachten und andererseits Grenzen in/an/durch Körper(n) in den Blick nehmen, um beide Achsen durch Kommentare und Synthesen während des Workshops immer wieder produktiv zusammenzuführen. Nachwuchswissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen sind dazu eingeladen, ihre Vorschläge aus historischer oder gegenwartsbezogener Perspektive einzureichen. Vorschläge können zu einem der folgenden – und verwandter – Themenfelder eingereicht werden:

  • Körper an/auf/über Grenzen
  • Gefangenschaft, Warten, Ausharren
  • Technologien zur Kontrolle von Körpern (z. B. Wärmebildkameras, Gesichtserkennung, Durchsuchungen)
  • Akteur*innen (z. B. Grenzpolizei, Aktivist*innen, „border dwellers“)
  • Biopolitische, rassistische, genderbezogene Implikationen an und von Grenzen
  • Strategien der Grenzüberwindung (z. B. Tunnel, Camouflage)

Grenzen an/in/durch Körper

  • Neue Perspektiven der Leibphänomenologie
  • Sinnlich-körperliche Erfahrungen an Grenzen (z. B. Hunger, Gewalt)
  • Zuschreibungen an Körper (z. B. rassistischer oder sexistischer Art)
  • Dekonstruktion von Körperdichotomien (z. B. Innen-Außen, Mann-Frau)
  • Eingriffe am Körper (z. B. operativ, ästhetisch, sexuell)

Die Teilnehmenden werden ihre Überlegungen in 15-minütigen Vorträgen darstellen. Für eine konstruktiv-kritische Diskussion der jeweiligen Beiträge ist zudem geplant, dass diese von kurzen Kommentaren durch je eine*n andere*n Teilnehmer*in begleitet werden, bevor die Diskussion im Plenum geöffnet wird. Eine Publikation der Workshop-Ergebnisse wird angestrebt. Tagungssprachen sind Deutsch, Französisch und Englisch. Sehr gute Kenntnisse einer dieser Sprachen sowie passive Grundkenntnisse der jeweils anderen beiden Sprachen werden vorausgesetzt.

Zeitplan und Organisation

Wir freuen uns auf Abstracts (ca. 200 Wörter) und kurze Angaben zur Person, die bis zum 31.5.2018 an koerper_grenze(at)posteo(dot)de gesendet werden können. Eine Benachrichtigung über angenommene Vorträge erfolgt innerhalb von drei Wochen.

Eine Unterkunft wird voraussichtlich bereitgestellt. Zudem werden Reisekosten bezuschusst (ca. 180 Euro).

Organisator*innen: Sarah Frenking (Göttingen), Julian Naujoks (Berlin), Nina Régis (Toulouse), Fabio Santos (Berlin), Verena Triesethau (Leipzig)

Förderorganisationen: Hans-Böckler-Stiftung, CIERA (Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne).

Conseil scientifique: Prof. Dr. Andrea Allerkamp (Frankfurt/Oder), Prof. Dr. Sabine Hess (Göttingen), Prof. Dr. Iris Schröder (Erfurt), Prof. Dr. Christina Stange-Fayos (Toulouse)

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