Kritik der Identitätspolitik? Von Sackgassen und Strohmännern

Vorträge und Diskussion mit Katharina Pühl (Referentin für feministische Gesellschafts- und Kapitalismusanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung) und Michael Weingarten (Universität Marburg und Stuttgart)

Die einst Neue Linke ist alt geworden. Ihre Fehler sind nicht zu wiederholen: Keine ökonomische Gesetzmäßigkeit ist auszumachen, die die Klasse des Proletariats zur Revolution triebe. Der zweite Ausweg, kulturalistisch auf Identitätspolitiken zu setzen, scheint schwer zu bewältigen, schließlich vermischen sich deren Grundbegriffe mit rechten Quellen. Und andererseits hat es ein „progressiver Neoliberalismus“ (Nancy Fraser) verstanden, diese Konzepte zu integrieren. Gegen diesen Gegner allerdings auf einen „linken“ Populismus zu setzen, bringt uns ebenso in die Schwierigkeit, mit einem Begriff des Volkes zu operieren, mit dem – gerade in deutschen Zuständen – mannigfaltige Probleme verbunden sind. Dagegen wird Michael Weingarten ein Konzept des Politischen stark machen, welches Identitäts- oder Homogenitätsannahmen überwunden hat. Die Frage ist dann, wie wir politisch in plural verfassten Gemeinwesen handeln können und wie wir diese Pluralität so denken müssen, dass trotz der Heterogenität der Vielen diese das ihnen Gemeinsame zum Zentrum ihres politischen Tuns machen?

Aber wer wollte schon dagegen streiten, dass es nicht um diese Pluralität, die Individualität der Vielen ginge? Die Zurückweisung von Identitätspolitik selbst könnte von einem anderen Vergessen geschlagen sein: Wie gehen wir damit um, dass wesentliche Kämpfe der Neuen Linken mit einem „strategischen Essentialismus“ ausgetragen wurden? Es gibt gute Gründe, weswegen sich Frauen*, Migrant*innen, Queers autonom organisierten. Dies lag gewiss auch an der Starrheit und Dogmatik tradierter Organisierungsformen, die diese Kämpfe marginalisierten oder als konterrevolutionäre bekämpften. Andererseits führte es in diesen neuen Organisationen nicht dazu, dass sich nun der Pflege einer homogenen Identität gewidmet wurde. Dafür waren die Auseinandersetzungen zu scharf, die sich etwa daran entzündeten, wie diese Gruppen sich überhaupt zu verstehen hätten (etwa als Frauen, FrauenLesben oder Frauen*?). Identitätspolitik als Gegnerin auszuweisen, mündet nicht selten in einer Feindbestimmung, die selbst homogenisierend auf das Gegenüber wirkt. Einer Pluralität von Praxen wird ein Ziel oder eine Quelle unterstellt, was sich weder theoretisch noch praktisch so bestimmen lässt. Katharina Pühl wird in ihrem Vortrag auf die Schwierigkeit eingehen, überhaupt von all diesen Praxen als Identitätspolitik zu sprechen, ohne Strohmänner zu pflegen und die angedeuteten Sackgassen zu meiden.

Café Knallhart (Keller) | Von-Melle-Park 9

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