Kritik des Eigentums? Zu einer Soziologie der Privatisierung und Vergesellschaftung

Frühjahrstagung der Sektion Wirtschaftssoziologie an der Universität Hamburg am 25. und 26. Juni 2020

Die Kritik an neoliberaler Politik mit umfassenden Privatisierungen von Immobilien, Staatsunternehmen, Energieversorgung und Infrastruktur weitet sich in jüngster Zeit von Zweifeln an Märkten als Garanten für das Gemeinwohl zunehmend auch auf gegenwärtige Eigentumsverhältnisse aus. Denn spätestens seit der Finanzkrise 2007 und der anschließenden Bankenrettung ist klar, dass die Formel „privatizing gains and socializing losses“ (Engelen et al 2011) zu einer tragenden Säule des gegenwärtigen Kapitalismus geworden ist. Seit der Diskussion um die Vergesellschaftung von großen Immobilienunternehmen im Zuge der Bewegung „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ sowie verschiedener Initiativen zum Rückkauf von Energienetzen rücken nunmehr auch konkrete Sozialisierungsforderungen wieder in den Vordergrund. Aber auch angesichts des Klimawandels und anderen Nachhaltigkeitsproblematiken stellt sich die Frage, ob Lösungen, die auf privaten Investitionen basieren, wie etwa bei sustainable finance, die richtigen Ansätze darstellen.

Diese Tagung soll Gelegenheit bieten, sich kritisch-analytisch mit Fragen zur gesellschaftlichen Rolle verschiedener Arten von Eigentum zu befassen und zu einer Wirtschaftssoziologie des Eigentums beizutragen. Dabei soll Eigentum als soziale Beziehung und gesellschaftlich definierte Kategorie der Inklusion und Exklusion betrachtet werden. Sämtliches Eigentum – sei es Privat-, Gemein-, oder öffentliches Eigentum – beruht demnach auf Verhandlungen über individuelle und kollektive Ansprüche, die notwendigerweise soziale Konflikte um Eigentumsverhältnisse mit sich bringen.

Nationalstaaten und internationales Recht, aber auch die Zivilgesellschaft sind hier von entscheidender Bedeutung. Erstere definieren die verschiedenen Formen von Eigentum (Privateigentum, öffentliches Eigentum, Gemeineigentum) und setzen diese gesetzlich durch. Gleichzeitig agiert der Staat selbst nicht nur als Eigentümer inländischen öffentlichen Eigentums, sondern auch als globaler Investor – etwa von Land oder Immobilien – und wird mit der zunehmenden Bedeutung von Staatsfonds auch zu einem staatlichen Shareholder von Unternehmen. Aber auch die Zivilgesellschaft befasst sich mit (alternativen) Eigentumsformen und -verhältnissen. Während etwa Enteignung historisch meist als staatliches Top-Down-Projekt erreicht wurde, fordern nunmehr zivilgesellschaftliche Initiativen wie die „Deutsche Wohnen und Co. Enteignen“ Sozialisierung sozusagen Bottom-Up, mit dem Ziel, der staatlich organisierten Privatisierung explizit entgegenzuwirken.

Ziel dieser Tagung soll sein, die Bedeutung von Privateigentum kritisch zu dekonstruieren und Eigentumsverhältnisse sowie Logiken der Privatisierung und Sozialisierung (Davis 2012) sowohl empirisch als auch sozialtheoretisch zu beleuchten.