Kritiken der Krise

Studentische Konferenz am 29. und 30. Juni an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der Begriff Krise entstammt dem griechischen Verb krinein (trennen) und markiert einen Höhepunkt, an welchem sich eine Entscheidung aufdrängt. Krise ist die Zuspitzung eines Widerspruchs bis zu dem Punkt des Ausbruchs. Der kritische Zustand ist ein labiler, in der sich eine alte Ordnung behaupten oder eine neue zur Durchsetzung bringen muss. Die Krise kann somit als beides bestimmt werden: Zerfalls- und Transformationsprozess; Destruktivität und Potentialität.[1]

Die Krise bestimmen

Entlang dieser Linie zeichnen sich in der Politischen Theorie seit jeher verschiedene Interpretationen der Krise ab. Um in Krisenmomenten Handlungsspielräume zu erörtern oder Lösungswege aufzeigen zu können, bedarf es zunächst einer Bestimmung der Krise.

Während über die Unterscheidung von ökonomischen, politischen und sozialen Krisen relative Einigkeit herrscht, ist das Verhältnis dieser Sphären zur Krisenbestimmung der primäre Kampfplatz für die Politische Theorie. Grundlegend verschiedene Annahmen der Theoriestränge benennen verschiedene Stellungen und Dependenzen dieser Sphären, formieren verschiedene Handlungsmöglichkeiten, welche von Restauration bis Revolution reichen. So kann man zwischen einem progressiven und konservativen Krisenbegriff unterscheiden. Betont ersterer Potentiale und Transformationsmöglichkeiten,[2] hebt der letztere das Moment von Zerfall oder Ordnungsschwund hervor.[3]

Krisen in der Moderne und die Moderne als Krise

Die Krise zu bestimmen heißt hier zweierlei, insofern wir es mit zwei Ebenen von Krise zu tun haben: Einmal mit der besonderen ökonomischen, politischen, sozialen Krise; der Krise als Diskontinuitätsmoment. Ein anderes Mal mit dem Wesen der Krise – ihre allgemeine und begriffliche Seite sowie ihr kontinuierliches Moment; dem, was die modernen Krisen gemeinsam haben: Der Krise der Moderne.

Die Kritische Theorie betont dabei, dass die Erkundung beider Sphären von der jeweils anderen inspiriert sein muss: Die Krise der Moderne lässt sich nicht ohne ihre partikularen Erscheinungsformen verstehen, sowie die akuten Krisenphänomene ohne ihr Allgemeines zufällig bleiben.[4]

Aber auch für konservative Denker ist die allgemeine Seite relevant zur Bestimmung des Besonderen.[5] Die Deutung der Moderne erweist sich als Schlüsselmoment zum Verständnis bestimmter Krisentheorien und andersherum. Dies nachzuvollziehen ist die Aufgabe der Politischen Theorie.

Kritiken der Krise

Die Krise zu überwinden erfordert ihre Kritik. Die Kritik bedarf der Bestimmung der Krise. Je nach Bestimmung ergeben sich unterschiedliche Kritiken, die zu unterschiedlichen Programmen der Überwindung beitragen und teils miteinander, teils gegeneinander in Stellung gehen. Was sind die Kritiken der Krise und in welchem Verhältnis stehen sie? Worin bestehen Gemeinsamkeiten und Differenzen? Worin Stärken und Schwächen? Nur im Vergleich der Krisentheoreme werden ihre Kritiken, die zu unterschiedlichen Programmen der Überwindung beitragen, ersichtlich.

Kritiken der Krise will den Bestimmungen ihrer Konzeptionen nachgehen und in Diskussion bringen, um nach Antworten eben darauf zu suchen. Dabei geht es immer auch um die Krise selbst: Wie verhält sich in ihr Politisches und Ökonomisches zueinander? Wie Destruktives und Produktives? Wie Konservatives und Progressives?

Die Konferenz richtet sich explizit an Studierende, die Ihre Arbeiten im Rahmen eines Vortrags von 20-25 Minuten mit anschließender Diskussion präsentieren möchten. Abstracts

im Umfang von 500-600 Wörtern, die den Inhalt kurz umreißen, sowie einige Sätze zur Erläuterung der Wahl des Themas erbitten wir bis zum 28.02.2018 an kritikenderkrise@gmail.com. Nach Einsendung werden die Beiträge ggf. zu thematisch zusammenhängenden Panels zusammengefasst werden. Wir freuen uns auf zahlreiche Einsendungen!

Die Teilnahme an der Konferenz ist kostenlos. Bitte beachtet, dass für anstehende Fahrt- und Übernachtungskosten nicht aufgekommen werden kann.

Folgende Beispielfragen können als Orientierungshilfe verwendet werden. Auch thematisch passende Abstracts außerhalb dieser Fragen können selbstverständlich eingereicht werden.

  • Wie bestimmen sich die Formulierungen des Verhältnisses von Krise und Kritik in konservativen und progressiven Denktraditionen?
  • Wie verhalten sich in denselben die Faktoren Destruktivität und Potentialität in Bezug auf die Krise? Welche politischen Implikationen sind in den Krisenbestimmungen enthalten?
  • Wie verhalten sich allgemeine Krisenbegriffe (Krise der Moderne) zu besonderen Krisenphänomenen? Inwiefern gilt Krise als Normal-, inwiefern als Ausnahmezustand?
  • Wie lässt sich die gegenwärtig anhaltende Krise bestimmen? In welchen Kategorien kann die gegenwärtige Krise gefasst werden (sozial, politisch, ökonomisch, etc.)? Wer und was befindet sich in der Krise (Subjekt, Gesellschaft, Politik, Ökonomie)?
  • Können die vergangenen US-Wahlen, das Brexit-Votum sowie weitere politische
  • Verschiebungen in und außerhalb Europas als verschiedene Phänomene derselben Krise gedeutet werden? Wie ließe sich diese Krise bestimmen (etwa als “Krise des Neoliberalismus”)?
  • Wie unterscheidet sich die gegenwärtige Krise von vergangenen Krisen des Langen 20. Jahrhunderts? Wie ähnlich sind sie? Was können historische Vergleiche sinnvoll zur Bestimmung unserer Gegenwart beitragen?

Zum Call for Papers (PDF)

Fußnoten

[1] Zum Begriff der Krise vgl. u.a. Reinhart Koselleck, Krise, in: Brunner, Otto, et al.: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Stuttgart 1982, S. 617-650; Michael Makropoulos, Über den Begriff der »Krise«: Eine historisch -semantische Skizze, in: Indes 2 (2013), S. 13-20.

[2] Eine solche Bezugnahme auf “Krise” findet sich in jeweils unterschiedlicher Bedeutung beispielhaft bei Jürgen Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt 1973; Michael Hardt / Antonio Negri, Empire, Frankfurt 2002; sowie Rahel Jaeggi, Kritik von Lebensformen, Berlin 2014.

[3] Besonders prägend: Michael Crozier / Samuel Huntington / Joji Watanuki: The crisis of democracy report on the governability of democracies to the Trilateral Commission, New York 1975; Wilhelm Hennis / Peter Graf Kielmannsegg / Ulrich Matz, Regierbarkeit. Studien zu ihrer Problematisierung, Stuttgart 1977. Einen weiteren Krisenbegriff konservativer Ausprägung hat Reinhart Koselleck in

Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Freiburg 1959, entwickelt.

[4] Vgl. dazu etwa Marx dialektische Verwendung des Krisenbegriffs in Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie Bd. 1, MEW Bd. 23. Gleiches reflektiert sich in Theodor W. Adornos Aussage “Das Ganze ist das Unwahre.”, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main 1951, Aph 29, S. 57.

[5] Vgl. hier etwa Daniel Bell, The Cultural Contradictions of Capitalism, Illinois 1976; Irving Kristol, Two Cheers for Capitalism, New York 1978.