Legitimation durch Verfahren. Rezeption, Kritik und Anschlüsse

Tagung der Universität Luzern am 15. und 16. Februar 2018

Mit „Legitimation durch Verfahren“ legte Luhmann 1969 eine Analyse des Gerichtsprozesses, der politischen Wahl, der Gesetzgebung und der Verwaltungsentscheidung vor, die in vielen Punkten den damals wie heute gängigen Theorien widersprach. Die Tagung möchte deshalb bei der „unabgeschlossenen“ Rezeption des Werks und dem kritischen Diskurs darüber ansetzen. Zudem sollen Themen wie Vulnerabilität und Resilienz, neue Formen alternativer Verfahren sowie die Vor- und Nachbereitung der klassischen Verfahren die von Luhmann angestoßene Forschung weiterführen.

  1. Das in Rede stehende Werk ist sicher eine der kontroversesten Publikationen Luhmanns. Wie die Rezeption zeigt, provoziert der schmale Band auch heute noch heftige Kritik. Auf der Tagung soll entsprechend der kritische Diskurs um „Legitimation durch Verfahren“ rekapituliert werden. Dabei soll danach gefragt werden, in welchen Bereichen und mit welchen Folgen an das Werk angeschlossen wurde. Außerdem zielt die Tagung darauf, empirische wie theoretische Kritik in der heutigen Soziologie zu sichten und (ggf.) zu formulieren.
  2. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf dem Thema Vulnerabilität und Resilienz, da die Institution des Verfahrens seit Luhmanns Publikation unter Druck geraten ist. Man denke etwa an die vergangenen Wahlkämpfe in den Vereinigten Staaten, Frankreich, Österreich und den Niederlanden. Verfahrensstrukturen erlauben zwar Konflikte und hegen sie gleichzeitig ein, aber sie sind auch Gegenstand taktischer Überlegungen der Beteiligten. Das konsequente Ausloten der Belastbarkeit der Verfahrensstrukturen setzt Dynamiken in Gang, die das Verfahren selbst in Frage stellen. Daran erkennt man die Vulnerabilität oder das Risiko sozialer Verfahren. Wo befinden sich also typische Sollbruchstellen, die Verfahren aufweisen? Umgekehrt kann deren Resilienz genauso problematisch sein: Sind die populistischen Wellen der letzten Jahre möglicherweise eine Immunreaktion gegen das allzu routinierte Abarbeiten gesellschaftlicher Konflikte in Wahlverfahren?
  3. Die klassischen Verfahren stoßen auf Probleme, an die nicht-klassische Formen verfahrensmäßiger Konfliktbearbeitung anknüpfen. Aufgrund der sozialen Risiken gerichtlicher Prozesse existieren in der Peripherie des Rechts einerseits konfliktlösende Verfahren wie Mediation, Schlichtung oder der Täter-Opfer-Ausgleich. Andererseits ist die Akzeptanz von Entscheidungen klassischer Verfahren gering, wenn gesellschaftliche Konfliktlinien genau der Frontstellung im Prozess oder in der Gesetzgebung entsprechen. Nach Bürgerkriegen stellen bspw. Versöhnungs- und Wahrheitskommissionen alternative Formen der Konfliktbearbeitung dar. Inwiefern lassen sich diese und weitere Formen mit verfahrensanalytischen Mitteln interpretieren?
  4. Schließlich möchte die Tagung über Verfahren hinausschauen und zwei wichtige Zeitpunkte thematisieren: die Vor- und Nachbereitung. Einerseits kommen Verfahren nur zustande, wenn sie sozial ausgelöst werden. Andererseits werden Verfahren und ihre Ergebnisse Gegenstand „nachbearbeitender“ Kommunikation. Die Tagung interessiert sich für Beiträge, die die Rolle anderer sozialer Systeme wie etwa sozialer Bewegungen oder Organisationen dabei in den Blick nehmen. Ferner sind Anbahnung eines Verfahrens und Implementation seiner Ergebnisse Teil einer umfassenderen Konflikttransformation. Ein Beispiel für die Vorbereitung stellt etwa die Verständigung auf eine Wahrheitskommission nach dem Apartheitsregime in Südafrika dar. Inwieweit sind also die Vor- und Nachbereitungen organisiert, dass sie einen näher zu spezifizierenden Anteil an der Konflikttransformation tragen?

Die Tagung wird am 15. und 16. Februar 2018 an der Universität Luzern stattfinden.

Organisatoren:

Dr. Adrian Itschert (adrian.itschert(at)unilu(dot)ch)
Dr. Luca Tratschin
Justus Heck, M.A.