Leibliche Interaktion. Phänomenologische Annäherungen an einen soziologischen Grundbegriff

3. Tagung des "Interdisziplinären Arbeitskreises Phänomenologien und Soziologie" (IAPS | DGS-Sektion "Soziologische Theorie")

Beginnend bei Georg Simmels Blick auf Gesellschaft als „Wechselwirkung“ von Menschen über den „symbolischen Interaktionismus“ im Anschluss an George Herbert Mead und Herbert Blumer sowie Erving Goffmans Analysen zur „Interaktionsordnung“ hin zu Anthony Giddens Strukturierungstheorie, die Interaktionen zur zentralen Analyseeinheit des Sozialen erklärt, oder Niklas Luhmanns „Interaktionssysteme“ zeigt sich, dass Interaktion ein grundlegender Begriff und Untersuchungsgegenstand der Soziologie ist. So unterschiedlich die vorliegenden interaktionssoziologischen Ansätze in ihrer theoretisch-konzeptionellen Anlage auch sind, weisen sie doch einige zentrale Gemeinsamkeiten auf. Vereinfacht gesagt, richtet die Interaktionssoziologie ihren Blick auf face-to-face-Situationen, in denen körperlich ko-präsente menschliche Akteure auf der Grundlage internalisierter Wertvorstellungen und Erwartungshaltungen wechselseitig ihr Handeln aneinander orientieren, indem sie Symbole, vor allem sprachliche Äußerungen, und Zeichen, zum Beispiel Gesten und Mimik, interpretieren und damit typischerweise die in aller Regel unbewusste Absicht verbinden, nicht aus der Rolle zufallen, kommunikative Anschlüsse herzustellen und so die mikrosoziale Ordnung aufrechtzuerhalten.

Aus der Sicht einer phänomenologisch orientierten Soziologie ist dieser Fokus auf die symbolisch-verstehende und körperlich-aktive Dimensionen sozialer Interaktion jedoch zu eng. Auf der Strecke bleibt hierbei nämlich die wortlose, nicht-intentionale, präreflexive, passiv-pathische Dimension sozialer Interaktion, die im phänomenologischen Sinne als leibliche Interaktion bezeichnet werden kann.

Mit leiblicher Interaktion kann ganz allgemein ein sozialer Verständigungsprozess verstanden werden, für den wesentlich ist, dass Ego und Alter mittels eigenleiblicher Wahrnehmungen ihr Handeln aneinander orientieren. Typische Formen leiblicher Interaktion sind das „Ko-Agieren ohne Reaktionszeit“ (Hermann Schmitz) im reibungslosen aneinander Vorbeigehen auf einem bevölkerten Gehweg oder beim Führen und Folgen im Paartanz, die Verführung durch einen flirtenden Blick oder die Disziplinierung des Anderen mittels eines strafenden Blicks, das rhythmische sich Einschwingen in die La-Ola-Welle im Fußball-stadion oder die Entwicklung eines gemeinsamen Bewegungsrhythmus‘ beim Sex mit dem Partner, das leibliche Verstehen einer angespannten Gesprächsatmosphäre oder das der Physiotherapeutin beim Ertasten der muskulären Verspannung ihrer Patientin, das ein spontanes oder intuitives Handeln zur Folge hat, etc.

Da die Phänomenologie in differenzierter Weise die Räumlichkeit sozialer Interaktionen mit einbezieht, ohne sich dabei auf den Ortsraum zu beschränken, stellt sich des Weiteren die Frage, inwieweit nicht auch das Ergriffensein von der Interaktion mit nicht am Ort Anwesenden phänomenologisch in fruchtbarer Weise untersucht werden kann bzw. sollte. Beispiele hierfür wären etwa die Interaktion mit Verstorbenen oder Geistern, die im Rahmen unheimlicher Atmosphären stattfinden, oder die Interaktion mit technisch vermittelt Anwesenden, die über das Telefon oder das Internet möglich wird.

Auf der Tagung soll das Konzept leibliche Interaktion an solchen oder ähnlichen empirischen Beispielen erläutert werden. Im Mittelpunkt steht allerdings die Frage, was die phänomenologische Philosophie zur Klärung des soziologischen Konzepts leibliche Interaktion beizutragen hat. Genauer gesagt, da es die phänomenologische Philosophie nicht gibt (weshalb der IAPS auch von Phänomenologie im Plural spricht), will sich die Tagung aus der Perspektive verschiedener Phänomenologien dem Thema leibliche Interaktion nähern. Zu denken ist hier etwa an die klassische Phänomenologie im Anschluss an Edmund Husserl, die Philosophische Anthropologie Helmuth Plessners oder Max Schelers, die französische Phänomenologie Maurice Merleau-Pontys, Jean-Paul Sartres oder Emanuel Levinas‘, die Neue Phänomenologie von Hermann Schmitz, die Responsive Phänomenologie Bernhard Waldenfels‘, die Postphänomenologie Don Ihdes oder die phänomenologisch angelegte embodied cognition-Forschung anknüpfend an Shaun Gallagher.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte per Email an Prof. Dr. Robert Gugutzer: gugutzer(at)sport.uni-frankfurt(dot)de.

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