Medien der Transformation − Transformation der Medien

Jahrestagung des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft

Wir stehen vor großen Herausforderungen: Die menschengemachte Erderwärmung scheint, trotz regelmäßiger Klimagipfel und ausgerufener Klimaziele, bislang kaum aufhaltbar. Der Reichtum ist – global und innerhalb der westlichen Demokratien – immer ungleicher verteilt und provoziert nicht nur Migrationsbewegungen in den globalen Norden, sondern führt ebenfalls in den reicheren Staaten zu zum Teil erheblichen Protesten. Wir erleben auch in westlichen Demokratien einen rasanten Aufstieg des Rechtspopulismus, demokratische Grundprinzipien werden in Frage gestellt, das Vertrauen in etablierte gesellschaftliche Institutionen erodiert und die erreichten Erfolge emanzipativer Bewegungen, z. B. in den Geschlechterverhältnissen, öffentlichkeitswirksam grundsätzlich negiert – eine Entwicklung, die auch die Bereiche Medien und Journalismus berührt. Dabei zeigt sich deutlich: Mit den bisherigen Mitteln lassen sich die bestehenden Herausforderungen nicht bewältigen.

Eine denkbare, umfassende Antwort auf diese Herausforderung ist die Idee einer „Großen Transformation“, wie sie etwa der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in Form einer sozial-ökologischen Wende fordert: „Die Gesellschaften müssen auf eine neue ,Geschäftsgrundlage‘ gestellt werden. Es geht um einen neuen Weltgesellschaftsvertrag für eine klimaverträgliche und nachhaltige Weltwirtschaftsordnung“ (WBGU 2011, 1–2). Um dieses Ziel zu erreichen, sind bereits verschiede-ne Ansätze vorgedacht und in unterschiedlichem Detaillierungsgrad ausgearbeitet, wie etwa die Gemeinwohlökonomie (Felber 2014), die Postwachstumsgesellschaft (Paech 2012), die Ökonomie der Verbundenheit (Eisenstein 2012), der Konvivalismus (Les Convivalistes 2014), die reduktive Moderne (Welzer 2012) oder der demokratische Sozialismus (Wright 2017). Sie alle legen Zukunftsvisionen einer sozial gerechteren und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft vor.

Bei der Katalyse gesellschaftlicher Transformationsprozesse – oder bei deren Verhinderung – spielen öffentliche Kommunikation und Medien eine wesentliche Rolle. Denn gesellschaftliche „Kernprinzipien“ wie Wissen, Normen, Werte und Ideologien werden zentral in öffentlichen Diskursen verbreitet und geprägt. Den Medien, aber auch Medientechnologien ist daher oftmals das Potenzial zugeschrieben worden, Transformationsprozesse auszulösen bzw. zu unterstützen. Genauso häufig allerdings wurden die in Medien(technologien) gesetzten Hoffnungen enttäuscht, denn die Art und Weise ihres Gebrauchs hat – nicht zuletzt aufgrund der bestehenden Besitz- und Machtverhältnisse –immer wieder dazu geführt, dass sie Herrschaftsstrukturen reproduzieren. Diese Diskrepanz zwischen Hoffnung und Realität lenkt die Aufmerksamkeit nicht zuletzt auf Medien- und Öffentlichkeitsstrukturen: Es scheint, auch sie müssten auf bestimmte Art transformiert werden, um im Sinne einer „Großen Transformation“ zu wirken.

Dabei gehen wir davon aus, dass auch ein Blick zurück lohnen kann. Vor genau 30 Jahren, im revolutionären Herbst 1989, hat sich in der damaligen Deutschen Demokratischen Re-publik schon einmal ein Mediensystem transformiert. Die Hoffnungen auf einen emanzipatorischen Medienwandel (z. B. durch die Gründung des basisdemokratischen Medienkontrollrates und des Ministeriums für Medienpolitik, eine Vielzahl neuer Publikationen, v. a. auch als Lokal- und Bürgerrechtspresse) wurden damals schnell enttäuscht. Für die Beschäftigung mit Transformationen drängt sich die Frage auf, welche Lehren die deutsche Wiedervereinigung im Rückblick für heutige emanzipatorische Bewegungen bereithält.

Es mag einleuchten, dass eine „Große Transformation“ dringlich ist. Die Ursachen und Bewegungen, die zur heutigen Situation geführt haben, und die Tendenzen, die eine Transformation hemmen, müssen allerdings analysiert werden. So kann von hier aus fundiert eine Richtungsbestimmung des transformatorischen Prozesses vorgenommen und Varianten der Transformation bewertet werden. Ziele einer solchen Analyse sollten z. B. sein, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Diagnosen, die eine Transformation empfehlen, zu identifizieren; den Einfluss unterschiedlicher Makroentwicklungen wie Ökonomisierung, Vermarktlichung, Kapitalisierung oder Elitisierung des Mediensystems und der Kommunikationsverhältnisse auf Transformationen zu bestimmen; sowie die Konsequenzen aufzuzeigen, die sich aus unterschiedlichen kritischen Perspektiven für die Transformation gegenwärtiger (digitaler) Medien und Mediensysteme und/oder ihrer Akteur*innen ergeben.

Aus unserer Sicht kommt der Kommunikations- und Medienwissenschaft eine wesentliche Rolle bei der Erforschung der Großen Transformation und ihren (Ermöglichungs-) Bedingungen zu. Eine Verantwortung, der sich bislang noch kaum angenommen wurde. Als Öffentliche Kommunikationswissenschaft will sie diese Transformation nicht nur erforschen, sondern darüber hinaus Fragestellungen emanzipatorischer Bewegungen auf-nehmen, ihr Expertenwissen für den öffentlichen Diskurs bereitstellen, und an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen mitwirken.

Informationen zur Tagung

Die Tagung wird mittags am Donnerstag, dem 21. November 2019 Uhr beginnen. Für den Donnerstag ist eine öffentliche Abendveranstaltung geplant. Der wissenschaftliche Teil der Tagung endet am frühen Freitagabend, dem 22. November 2019. Im Anschluss sind alle Tagungsteilnehmer*innen herzlich zu einer Abschiedsparty am Freitagabend eingeladen.

Angaben zum Veranstaltungsort, Unterkünften, etc. werden rechtzeitig in der Einladung und auf der Website des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft bekannt gegeben.

Sevda C. Arslan, Nils S. Borchers, Uwe Krüger & Sebastian Sevignani im Namen des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft

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