Methodologien der quantitativen Sozialwissenschaft. Wechselverhältnisse von Theorie, Methodologie und Quantifizierung

Workshop an der Technischen Universität Berlin am 07. und 08. Mai 2020

In der fachöffentlichen Debatte erscheint „die“ quantitative Sozialforschung mitunter als ein monolithischer Block, der mit „der“ Statistik und einer einheitlichen – „positivistischen“ bzw. „kritisch-rationalistischen“ – Wissenschaftsauffassung gleichgesetzt wird. Nicht selten wird dabei angenommen, quantitative Sozialforschung beginne und ende mit der statistischen Analyse von Daten. Eine solche, in jüngerer Zeit wieder verstärkt aufkommende Sicht übersieht aber, dass das Feld der quantitativen Sozialforschung sehr unterschiedliche wissenschafts- und sozialtheoretische Positionen wie auch eine Fülle verschiedener Datenarten und Methoden umfasst. Entsprechend gibt es weder „die“ quantitative Sozialforschung noch „die“ Statistik. Vielmehr kann von einer Vielzahl statistischer Verfahren (Wolf/Best 2010; Blasius/Baur 2019) gesprochen werden, mit denen teils sehr unterschiedliche Erkenntnisinteressen verfolgt werden und deren Gebrauch teils aus unterschiedlichen soziologischen Theorien beziehungsweise wissenschaftstheoretischen Positionen heraus motiviert wird. So beeinflussen die jeweiligen Grundannahmen über die Beschaffenheit des Sozialen die Prinzipien der Problemformulierung, der Identifikation von Zusammenhängen, der Qualität von Daten, der Wahl des statistischen Modells, seiner Spezifikation und Interpretation. Umgekehrt können Daten und Methoden die Wahl und Deutung soziologischer Theorien beeinflussen und letztlich sogar die Theorien selbst modifizieren und mithervorbringen. Unter Rückgriff auf ein und dieselbe soziologische Theorie können zudem unterschiedliche Daten und Methoden genutzt werden, wie auch unterschiedliche Theorien die Wahl gleicher Methoden nahelegen mögen.

Nicht selten aber werden Theorien und Methoden eher aufgrund historischer Kontingenzen, außerwissenschaftlicher Prägungen, habitueller Vorlieben oder unmittelbarer Sachzwänge der wissenschaftlichen Praxis miteinander verknüpft als auf Grundlage einer methodologischen Auseinandersetzung. Sowohl die Motivierung des Methodengebrauchs aus Theorien, wie auch die Anbindung von Methoden und methodenbasierter Forschung an Theorien werden kaum (mehr) explizit und systematisch verhandelt. In jüngerer Zeit stellen zudem die neuen Möglichkeiten der Datenanalyse, wie sie etwa web-generierten Prozessdaten und ‚Big Data‘ zugeschrieben werden, eine besondere Herausforderung für jede systematische, theoriegeleitete Forschung dar. Angesichts solcher Voraussetzungen der Methodenwahl scheint die Reflexion der Zusammenhänge zwischen Theorien und Methoden und damit: Methodologien eigentlich unerlässlich.

Explizite und elaborierte methodologische Diskussionen (nicht nur) mit Bezug auf die quantitative Sozialforschung wurden bislang vor allem in der Tradition der Rational Choice-Theorie, Hartmut Essers „Modell der soziologischen Erklärung“ (1993; 2003) und Peter Hedströms „Analytischer Soziologie“ (2005) geführt. Auf der anderen Seite finden sich quantitativ arbeitende Ansätze, die die Frage nach den Übersetzungsverhältnissen zwischen theoretischen Begriffen und empirischer Forschung nicht oder wenig explizit verhandeln. So verband beispielsweise Pierre Bourdieu in seinen Arbeiten zwar eine sozialräumliche Gesellschaftsvorstellung mit räumlichen Verfahren (geometrischen Datenanalysen), diskutierte aber sein relationales Forschungsprogramm nie systematisch (vgl. Blasius/Schmitz 2012; Schmitz 2018; Grenfell/Lebaron 2014), was bis heute zu Problemen bezüglich methodischer Anschlüsse führt. Eine grundlagenwissenschaftliche Auseinandersetzung mit methodologischen Fragen mag davor bewahren, der „Schattenmethodologie“ (Kelle/Lüdemann 1995) der Alltagsheuristik anheimzufallen (so etwa: spezifische methodische Praktiken als selbstverständlich gegeben hinzunehmen), wie sie auch einen Zugang zu bislang ungenutzten Methoden für das eigene empirische Arbeiten eröffnen kann.

Im Rahmen des Workshops diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen theoretischen Perspektiven – darunter die Frame-Selektions-, Feld-, Netzwerk-, Diskurs-, System-, Prozesstheorie, dem Neoinstitutionalismus, der Ökonomie der Konventionen und dem Kommunikativen Konstruktivismus – die Wechsel- und Passungsverhältnisse zwischen den jeweiligen sozial- bzw. wissenschaftstheoretischen Grundannahmen und ihren quantitativen empirischen Forschungspraktiken. Auf dieser Grundlage soll auch der Austausch über Anknüpfungspunkte zwischen den verschiedenen Weisen des quantitativen Forschens ermöglicht werden. Interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer sind herzlich eingeladen.

Kontakt: andreas.schmitz(at)uni-bonn(dot)de

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