Nachhaltige Arbeit

Frühjahrstagung der Sektion "Arbeits- und Industriesoziologie" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Der Raubbau an Arbeitskraft und Natur ist ein zentrales Konfliktfeld des Kapitalismus. Während ökologische Nachhaltigkeit seit dem Bericht „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome von 1972 ein allgemein bedeutsames Thema ist, werden die sozial-ökologischen Voraussetzungen und Konsequenzen der gesellschaftlichen Arbeit und die Möglichkeiten von nachhaltiger Arbeit bislang nur zögerlich diskutiert. Arbeit ist die zentrale Vermittlungsinstanz zwischen menschlicher und außermenschlicher Natur. Arbeit konstituiert die gesellschaftlichen Naturverhältnisse, über sie wird Natur geformt, genutzt, verbraucht und umgestaltet. Nicht-nachhaltige Arbeit wirkt sich auch auf die menschliche Natur aus: Gesundheitliche Belastungen, Umweltgifte am Arbeitsplatz, psychisch belastende Leistungsvorgaben und ungesunde Arbeitszeiten sind nur einige Stichworte, die deutlich machen, dass sich Fragen der Nachhaltigkeit von Arbeit sowohl nach innen als auch nach außen stellen und soziale, ökonomische und ökologische Aspekte umfassen. Schon heute haben Umweltschutzgesetzgebungen, ökologische Innovationen, die Entwicklungen in den Bio- und Lebenstechnologien oder der Ausbau der Erneuerbaren Energien einen erheblichen Einfluss auf die Arbeitswelt. In manchen Bereichen existiert bereits eine von Nachhaltigkeitskonzepten motivierte Arbeits- und Betriebspolitik. Von einer umfassenden, politisch intendierten und gesteuerten nachhaltigen Konversionsstrategie kann jedoch keine Rede sein. Der dominante Topos der „ökologischen Modernisierung“ geht von einer grundsätzlichen Vereinbarkeit von Industrie, Kapitalismus, Erwerbsarbeit und Nachhaltigkeit qua technischer Entwicklung aus. Damit einher geht eine Ökonomisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs, der mitunter zu einer Leerformel verkommt und offenbar nahezu beliebige Konzepte, Produkte und Praktiken zu kennzeichnen vermag. Die Frühjahrstagung der Sektion möchte demgegenüber die sozialen und ökologischen Aspekte von Nachhaltigkeitskonzepten gleichberechtigt auf die Tagungsordnung setzen. Zunehmend umstritten ist, wie weitgehend der Wandel der kapitalistisch-industriellen Produktions- und Lebensweise sowie die Neubestimmung von Arbeit ausfallen muss, wenn Nachhaltigkeit angestrebt wird, und wie der sich bereits vollziehende Wandel analytisch zu fassen ist: Ist Nachhaltigkeit Teil einer kapitalistischen Erneuerungsstrategie, die als Innovationsmotor neue grüne Wachstumsmärkte erschließen und green jobs schaffen kann und soll? Oder gerät die weiterbestehende Orientierung auf wirtschaftliches Wachstum selbst in Konflikt mit Nachhaltigkeitszielen? Vorstellungen einer green economy verbleiben dabei weitestgehend im Rahmen eines traditionellen, erwerbsarbeitszentrierten Verständnisses von Wirtschaft und Arbeit. Hingegen finden sich auch Debattenbeiträge, die nachhaltiges Wachstum als nicht tragfähige Strategie kritisieren. Die Thematisierung von (Erwerbs-)Arbeit nimmt in den meisten Beiträgen bislang allerdings nur eine Nischenrolle ein. Für die Arbeits- und Industriesoziologie bieten die Debatten um Nachhaltigkeit zudem einige anhaltende Herausforderungen und Provokationen, die sich insbesondere um den Arbeitsbegriff gruppieren. So wird der Deutungskampf darum, was überhaupt als Arbeit gesellschaftlich anerkannt wird, auch in den Diskussionen um Nachhaltigkeit geführt. Konzepte eines erweiterten Arbeitsbegriffs – der über die formelle Erwerbsarbeit hinausgeht und informelle Eigenarbeit, Sorgearbeit und Gemeinschaftsarbeit, sprich: Subsistenzarbeiten aller Art, einschließt – finden hier ihren Platz und versuchen objektive Trends der Arbeitswelt (bspw. brüchig gewordene Erwerbsbiographien, steigende Frauenerwerbsquoten, die Zunahme von Teilzeitarbeit, die Entgrenzung von Arbeit und Leben etc.) mit normativen Zielen der Nachhaltigkeit zu vermitteln. Denn, so ein einschlägiges Argument, nur durch die Berücksichtigung aller Arbeitsformen und die jeweilige Beurteilung entlang aller drei Säulen der Nachhaltigkeit ist eine valide Aussage über gesellschaftlich nachhaltige Arbeit insgesamt möglich.

Im Rahmen der AIS-Tagung soll in empirischer und theoretisch-konzeptioneller Hinsicht u.a. auf die folgenden Themen und Fragen eingegangen werden:

• Wie sind die aktuellen Entwicklungen und Bestrebungen hin zu nachhaltiger Arbeit einzuschätzen? Wie umfassend sind sie und wie nachhaltig ist ihre soziale, ökologische und ökonomische Bilanz tatsächlich? Wie und wo kann man die betriebliche Re-Organisierung von nachhaltiger Arbeit exemplarisch analysieren?

• In welcher Beziehung stehen die großen Trends der Arbeitswelt – Prekarisierung, Flexibilisierung, Entgrenzung und Subjektivierung – zu Nachhaltigkeit in der Arbeit?

• Welche Auswirkungen hat der Prozess der Digitalisierung auf die Nachhaltigkeit von Arbeit? Bewirkt bspw. das Aufkommen der Industrie 4.0 größere Ressourceneffizienz bezogen auf die gesamte Produktionskette?

• Ist anhaltendes Wirtschaftswachstum mit Nachhaltigkeitszielen vereinbar und wenn nicht, welche Folgen hat dies für die Organisation gesellschaftlicher Arbeit?

• Wie könnten Ansätze für eine nachhaltige Gewerkschaftspolitik aussehen? Welche Rollen können Gewerkschaften bei einem sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft einnehmen?

• Welche Bedeutung haben alternative Arbeitsformen und duale Ökonomien für die gesellschaftliche Arbeit insgesamt und wie sollten sie von der Arbeits- und Industriesoziologie konzeptualisiert werden?

• Welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit im Bewusstsein verschiedener Beschäftigtengruppen? 

Deadline für Anmeldungen ist der 15.03.2017

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