Ökologie 2.0. Welchen Beitrag kann die Philosophische Anthropologie zur Lösung der ökologischen Krise leisten?

Tagung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Am beginnenden 21. Jahrhundert werden wissenschaftliche und öffentliche Debatten zu einem großen Teil von Fragen nach der ökologischen Zukunft und Vereinbarkeit gesellschaftlichen Lebens mit den „natürlichen“ Grenzen geleitet. Im Spannungsfeld von Alarmismus und Optimismus werden politisch brisante Diskurse darüber geführt, wer wie welchen Beitrag zum Verbrauch und zur Zerstörung sowie zum Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen geleistet hat. Die Einrichtung globaler Gremien, wie die Weltklimakonferenz, sollen auf dem politischen Parkett schnelle Lösungen finden, die zumeist technikinduziert und marktregulativ orientiert sind. Der seit mehreren Jahren begleitend dazu publizierte wissenschaftlich fundierte IPPC-Bericht konnte bislang keine Erfolge berichten, sondern zeigt im Gegenteil regelmäßig auf, dass die magische Grenze des sogenannten 2-Grad-Ziels gar nicht erreicht werden kann. Schon wird gefordert, den Beginn einer neuen geochronologischen Epoche auszurufen, die den Namen Anthropozän trägt und in Rechnung stellen soll, dass es auf der Erde keinen Winkel mehr gibt, der nicht vom Menschen beeinflusst ist. Welchen Sinn bzw. Effekt die Einführung eines solchen Narrativs hat, ist bis dato jedoch völlig unklar. Eine andere Strategie ist, den Klimawandel zu leugnen. Das ökologische Denken, so scheint es, ist in eine Sackgasse geraten, aus dem die Rationalität, die hineingeführt hat, keinen Ausweg mehr weiß.

In den Geistes- und Sozialwissenschaften hat sich in den letzten Jahren ein Diskurs formiert, der neue Wege zur „Ökologisierung des Denkens“ (Hörl) sucht, allerdings jenseits klassisch evolutionstheoretischer Ökologien, die mit Ernst Haeckel 1866 in der Biologie dem Begriffe nach ihren Anfang nahmen und unter dem Einfluss des Fortschrittsdenkens sowie der modernen Trennung von Natur und Kultur standen. Stattdessen wird nun etwa im Anschluss an die Gaia-Theorie von James Lovelock und/oder die Endosymbiontentheorie von Lynn Margulis versucht, ökologische Ordnungen neu zu denken. Im Vordergrund steht dabei ein neuer Vitalismus, der statt Individuen und Interaktionen lebendige Symbiosen und Gefüge als Konstituenzien ökologischer Ordnungen zentral stellt, um die anthropozentrische Rationalität der Moderne zu überwinden. Ziel ist, die Dezentrierung des Humanen durch ein radikal relationistisches Denken, in dem Wirkmacht verteilt ist und dadurch auch nicht-menschlichen bzw. mehr-als-menschlichen Entitäten zukommt. Als wichtige Vertreter*innen dieses Denkens sind u.a. Bruno Latour, Donna Haraway, Anna Tsing, Jane Bennett oder Rosi Braidotti zu nennen. Gleichwohl ist zu betonen, dass sich die Autor*innen in ihren Formen des ökologischen Denkens in wichtigen Punkten unterscheiden. Basiert es bei Braidotti und Bennett auf einer derartig ontologischen Verflachung, die gar keine Unterschiede zwischen den Wirkmächten mehr zulässt, so dass Machtdifferenzen sowie unterschiedlich verteilte Verantwortlichkeit aus dem Blick geraten, insistieren Haraway und Tsing gerade darauf, dass zwar alles mit etwas zusammenhängt, aber nicht alles mit allem. Vielmehr gelte es, in den symbiotischen Zusammenhängen und Gefügen die unterschiedlichen Abhängigkeiten aufzuzeigen, so dass ein personales Verantworten möglich wird. Und Latour, der stets betont, dass die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur nur ideell, aber nicht de facto existiert, sucht mittels des Rückgriffs auf die Gaia-Theorie die terrestrische Dimension der ökologischen Krise aufzuzeigen, deren Bekämpfung gerade nicht entlang der Natur/Kultur-Differenz, sondern der Schmitt’schen Freund/Feind-Unterscheidung politisch werde.

Diese einerseits neu aufgelegten Motive einer Mechanismus-Vitalismus-Kontroverse, die heute vom Anthropozännarrativ begleitet werden und die andererseits dezidierte Abkehr vom Primat des Humanen, werfen die Frage nach einer Ökologie 2.0 auf. In deren Beantwortung spielt die Philosophische Anthropologie bislang keine Rolle, obwohl die Auseinandersetzung mit dem ökologischen Denken Anfang des 20. Jahrhunderts eines ihrer zentralen Anliegen war. Im Kontext der letzten Mechanismus-Vitalismus-Kontroverse als dritter Weg ersonnen, der aus dem dualistischen Dilemma zwischen cartesianischem Mechanismus und metaphysischem Vitalismus führen konnte bzw. sollte, fragt sich somit, ob die Philosophische Anthropologie bzw. ihre Protagonisten, allen voran Helmuth Plessner, Max Scheler und Arnold Gehlen, auch heute noch das Potenzial haben, den Diskurs um die ökologische Krise zu bereichern. Kann die Philosophische Anthropologie – abseits von Mechanismus-Vitalismus-Kontroversen und Subjekt-Objekt-Denken – bezogen auf die aktuelle ökologische Situation und angesichts des immensen Zuwachses an biologisch-ökologischem Wissen, noch fruchtbare Wege ökologischen Denkens aufzeigen? Was könnte ihr Spezifikum dabei sein? In der Moderne ist die primäre Wirkmacht durch intentionales Handeln gekennzeichnet, das dem Menschen zugeschrieben wird. Aber das bedeutet nicht, Mensch-zu-sein heißt, die mächtigste Macht für alle Zeiten zu sein. Eröffnet die philosophisch-anthropologische Reflexion ihrer Historizität nicht gerade an diesem Punkt die Möglichkeit zu fragen, ob intentionales Handeln auch in Zukunft eine Vorrangstellung einnehmen wird oder ob andere Formen von Wirkmacht in qualitativer Differenz zum intentionalen Handeln für Fragen der sozial-ökologischen Gestaltung entscheidend sein werden? Die Antwort auf diese Frage ist, zumindest im Anschluss an das Plessnersche Denken, nicht bereits gegeben, sondern offengehalten. Dieses Theorem der Offenheit und weitere Fragen zum aktuellen Potenzial der Philosophischen Anthropologie, einen Beitrag zum ökologischen Denken und zur Lösung der ökologischen Krise zu leisten, sollen auf dem Workshop bearbeitet werden:

  • Wie könnte eine Dezentrierung des Menschen bzw. des Humanen ohne die ontologische Verflachung und Nivellierung qualitativer Differenzen gedacht werden im Anschluss an die Philosophische Anthropologie? Braucht es dafür eine Negative Anthropologie und wenn ja, mit welchen Ansätzen könnte dies geleistet werden?
  • Wenn die "Macht zu", die den Titel "Mensch" in der Moderne trägt, nach Plessner selbst eine offene Frage ist, dann gelingt die Anerkennung nicht-menschlicher bzw. mehr-als-menschlicher Entitäten kaum, indem sich gegen eine vermeintliche Tatsache des Menschen positioniert, sondern indem über die Historizität der Zuschreibung von Wirkmacht nachgedacht wird. Inwiefern könnte hier die Philosophische Anthropologie das neue ökologische Denken, das oben vorgestellt wurde, befruchten? Inwiefern kann das neue ökologische Denken das der Philosophischen Anthropologie ergänzen? Welche Entitäten und/oder symbiotischen Gefüge können ökologisch responsibilisiert werden? Und wer entscheidet über die Antwort?
  • War und ist die klassische Ökologie von Theoremen wie Anpassung und Fortschritt geprägt und wird ihr heute die symbiotische Ökologie entgegengestellt, fragt sich zudem, welche Formen des ökologischen Denkens in den zentralen Schriften Philosophischer Anthropologie stecken, etwa in den Stufen des Organischen und der Mensch: Welche systematische Rolle spielt dabei die Frage, wie das Verständnis biologischer und soziokultureller Umwelten sowie das von Weltoffenheit miteinander verschränkt sind? Inwiefern unterscheidet sich eine Ökologie im Anschluss an die Philosophische Anthropologie von anderen Formen?
  • Bezogen auf eine konkret praktische Dimension, ist schließlich zu fragen, ob die Philosophische Anthropologie auch einen lösungsorientierten Beitrag im dringlichen Suchen nach politischen Lösungen für die ökologische Krise leisten kann. Und inwiefern kann sie dafür auch empirische Vorhaben anleiten?

Die Veranstaltung wird am 13./14. Februar 2020 im Gästehaus der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg stattfinden und wird durch die Helmuth Plessner Gesellschaft gefördert. Den Abendvortrag wird Hans-Peter-Krüger halten.

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