Ökonomischer Nationalismus? „Nation“ und „Nationalismus“ in der soziologischen Analyse wirtschaftlicher Ordnungen

Frühjahrstagung der Sektion Wirtschaftssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Mit den Begriffen Globalisierung und Transnationalisierung werden seit den 1990er Jahren in den Sozialwissenschaften soziale Prozesse einer sukzessiven Öffnung nationaler Containergesellschaften beschrieben. Besonders anschaulich kann eine solche Entwicklung am Beispiel des europäischen Integrationsprozesses, globaler Migrationsbewegungen, der internationalen Arbeitsteilung sowie der weltweiten Warenmärkte und Kapitalströme aufgezeigt werden. Im Schatten dieser Entwicklungen ist seit jüngerer Zeit ein Erstarken von normativen Rechtfertigungen zu beobachten, die in Konkurrenz zu kosmopolitischen und postnationalen Deutungsangeboten danach streben, „das Nationale“ als Leitunterscheidung sozialer Ordnungen wieder aufzuwerten. Derartige Leitunterscheidungen zielen darauf ab, neue segmentäre Schließungen oder Abschottungen gleich welcher Art entlang der Differenz Inländer/Ausländer zu legitimieren. Solche Schließungsprozesse betreffen die politisch-institutionelle und wohlfahrtsstaatliche ebenso wie die wirtschaftliche Ordnung. Sie stehen in einem latenten oder offenen Spannungsverhältnis zu den transnationalen Öffnungen nationaler Containergesellschaften der letzten vier Jahrzehnte.

In der neueren Wirtschaftssoziologie sind „Nation“ und „Nationalismus“ als Einflussfaktoren bei der Analyse von Wirtschafts- und Marktordnungen bislang weithin unbeobachtet geblieben. Auf der Frühjahrstagung der Sektion Wirtschaftssoziologie möchten wir diese Nichtbeachtung zum Anlass nehmen, um die Frage aufzuwerfen, welche Bedeutung die Kategorien „Nation“ und „Nationalismus“ für die soziologische Analyse der sozialen Konstitution und des Wandels von Märkten und Wirtschaftsordnungen haben. Stehen wir am Anfang einer neuen postliberalen Ära,
die die vorherrschenden „neoliberalen“ Ordnungsvorstellungen in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft aufweichen oder sogar unterminieren? Handelt es sich hierbei um eine Renaissance des alten, klassischen Protektionismus? Oder ist die Idee des Freihandels und der offenen Märkte immer schon in nationale Narrative und Ordnungskonzepte „eingebettet“ gewesen? Werden nicht in jeder staatlichen Ordnung, und zwar ganz gleich, ob diese etatistisch-autoritär oder demokratisch-pluralistisch verfasst ist, wirtschaftspolitische Instrumente ergriffen, um „nationalen“ Unternehmen Vorteile im internationalen Wettbewerb zu verschaffen? Was ist „neu“ am „neuen“ „liberal economic nationalism“ (Helleiner 2002) bzw. „economic patriotism“ (Clift/Woll 2012)? Ist der neue liberale Wirtschaftsnationalismus gar ein alter, der auf protektionistische Steuerungsinstrumente (nichttarifäre Handelshemmnisse wie Importquoten, Einfuhrzölle, Exportsubventionen und Steuererleichterungen für inländische Unternehmen) zurückgreift? Welche Kontinuitäten und Brüche können zwischen älteren und neueren Formen von Wirtschaftsnationalismus beobachtet werden? Bietet die neuere Wirtschaftssoziologie plausible Erklärungsangebote an, um Wirtschaftsnationalismen theoretisch besser einordnen und empirisch genauer beschreiben zu können? Zugleich stellt sich die Frage, welche Folgen solche Entwicklungen für die wirtschaftsliberale Öffnung vormals national segmentierter Wirtschaftscontainer haben? Stehen transnationale Wirtschaftsbeziehungen, wie etwa der Ausbau des europäischen Binnenmarktes oder die Etablierung von Freihandelsabkommen wie NAFTA, AFTA bzw. CETA, und die Wiederkehr nationaler bzw. nationalistischer Ordnungskonzepte in einem sich gegenseitig aufschaukelndem Verhältnis? Grundsätzlicher: Verweist die eigentümliche Gemengelage aus Transnationalisierung, Postnationalismus und Renationalismus auf eine tiefergehende Rekonfiguration der ökonomischen, institutionellen und sozialen Ordnung kapitalistischer Gesellschaften?

Auch wäre genauer zu klären, wie wirtschaftsliberale Forderungen in nationalen Gesellschaften begründet werden? Welche Bedeutung spielen „nationale“ Geltungsgründe bei der Öffnung bzw. Schließung von Märkten nach außen? Werden protektionistische Maßnahmen und die Aussetzung bzw. Neuverhandlung von Freihandelsabkommen angedroht, um Marktprinzipen international zu verbreiten? Welchen Stellenwert haben nationale bzw. nationalistische Rechtfertigungen („nationales Gemeinwohl“, „nationales Interesse“, nationale Wirtschaftskultur“) für wirtschaftsliberale Diskurse der Öffnung und Schließung von Märkten? Geht es dem neuen ökonomischen Nationalismus („America first“ etc.) tatsächlich um eine segmentäre Schließung von Märkten im nationalen Container? Oder wäre es angemessener, von einer Transformation des Neoliberalismus zu sprechen? Auffallend ist jedenfalls, dass die Deregulierung und Öffnung von Märkten immer wieder auch mit Bezug auf die Stärkung der globalen Wettbewerbsfähigkeit „nationaler Champions“ begründet wird.

Von besonderem wirtschaftssoziologischen Interesse ist schließlich auch die Frage nach den Pionieren, Trägergruppen und Zyklen wirtschaftsnationaler Narrative? Welche Rolle spielen unterschiedliche Elitenfraktionen in Wirtschaft und Politik, Kultur und Wissenschaft bei der Diffusion „nationalökonomischer“ Narrative? Handelt es sich hierbei um Deutungs- und Glaubensgemeinschaften mit einer ausgeprägten nationalen, vielleicht auch kulturell oder ethnisch eingefärbten „Virtuosenmoral“ (Weber)? Zeigen sich hier eher pragmatisch motivierte Rechtfertigungen und Schließungsstrategien von politischen bzw. ökonomischen Akteuren, die den Unterschied zwischen „Wir“ und „den Anderen“ zu mobilisieren versuchen, um (politisches) Machtprestige zu mobilisieren, Marktanteile und Markterfolge „nationaler“ Unternehmen abzusichern, die Erwerbs- und Einkommenschancen für Inländer zu verbessern, die Wettbewerbsfähigkeit der „nationalen“ Wirtschaftsordnung vor internationaler Konkurrenz zu schützen oder das von außen bedrohte Wohlfahrts- und Institutionenregime zu erhalten? Inwiefern werden wirtschaftsnationale Narrative auch „von unten“ stimuliert bzw eingefordert, also etwa von sozioökonomischen Modernisierungsverlierern, die sich gegen den selbsterklärten Postnationalismus und Kosmopolitismus zahlreicher Wirtschaftseliten und Globalisierungsgewinner wenden?

Im Rahmen der Frühjahrstagung wollen wir diese und weitere Fragen nach der Bedeutung von „Nation“ und „Nationalismus“ für die wirtschaftssoziologische Analyse der sozialen Konstitution, Institutionalisierung und Transformation von Märkten und Wirtschaftsordnungen aufwerfen.

Klaus Kraemer (Sprecher), Lisa Knoll, Nina Baur, Sascha Münnich