Phänomenologie und Praxistheorie – Eine Verhältnisbestimmung

Tagung des Instituts für Philosophie der FernUniversität in Hagen

Seit ihren Anfängen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat die Phänomenologie die Auseinandersetzung und den Dialog mit anderen Disziplinen und Forschungsansätzen gesucht. Ihr Einfluss auf die Sozialwissenschaften nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein (Schütz 1932, Garfinkel 1967, Butler 1990, Bourdieu 1972 u. a.). Diese Anschlussfähigkeit ist wesentlich dadurch bedingt, dass die Phänomenologie über einen Zugang zu ihren Gegenständen verfügt, der mit der zentralen Stellung des Erfahrungsbegriffs unausweichlich sozial eingebettet ist. Aber auch dort, wo der Dialog mit den Sozialwissenschaften nicht im Vordergrund steht, hat die Phänomenologie mit ihrem methodischen Fokus auf Sinnstrukturen und leiblichem Zur-Welt-sein ihr Interesse an der Praxis und insbesondere deren Vollzugscharakter artikuliert (vgl. Merleau-Ponty 1945, Heidegger 1927). Damit steht die Phänomenologie in einer Nähe zu einem innerhalb der Sozial-und Kulturwissenschaften ab Mitte des 20. Jahrhunderts vollzogenen turns, der sich dieser Hinwendung zum Praxisbegriff verdankt: dem practice turn. Diese Wende bildet zunächst einen Wandel im theoretischen Zugriff auf Beschreibungen des Sozialen ab, der in einer Abkehr von dualistischen Theorieansätzen ihren Ausgang nimmt. Dabei steht die Betrachtung der Praktik als ‚kleinster Einheit des Sozialen‘ (vgl. Reckwitz 2003) für den Versuch, Engführungen etwa mentalistischer oder strukturalistischer Ansätze zu umgehen und so dem Sozialen in seinem Vollzug näherzukommen. Dieser offenkundigen Nähe von Phänomenologie und Praxistheorie und der Potenziale einer Verhältnisbestimmung ist die Tagung gewidmet. Während erste Annäherungen an die Phänomenologie seitens der Praxistheorie längst sichtbar geworden sind (vgl. Gugutzer2012, Prinz2014, Schmidt2012), fehlt eine systematische und kritische Gesamtschau möglicher Anschlussstellen. Einem solchen Vorhaben muss es dabei an einer Vorverständigung über die Grundannahmen und -konzepte sowohl der Praxistheorie wie auch der Phänomenologie gelegen sein. Dabei bieten sich die Grundannahmen einer impliziten Logik, Körperlichkeit und Materialität der Praxis sowie derSpannung zwischen ihrer Stabilität und Instabilität zur kritischen Diskussion ebenso an wie Erörterungen zentraler Konzepte seitens der Phänomenologie – wie die Leiblichkeit, die Leib-Körper-Differenz, das Zur-bzw. In-der-Welt-sein, die kritische Infragestellung eines identitären Subjektbegriffs oder die Erfahrung.

Zum CfP (31.03.2016)

Die Tagung wird im Rahmen des Drittmittelprojektes „Praktische Körper“ (DFG) veranstaltet. Weitere Informationen zum Projekt hier

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Ort:

Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, Lehrgebiet Philosophie III, KSW-Gebäude A, Universitätsstr. 33, 58097 Hagen