Philosophische Anthropologie als interdisziplinäre Praxis. Max Scheler, Helmuth Plessner und Nicolai Hartmann in Köln – historische und systematische Perspektiven

Konferenz mit Workshop und Kolloquium an der Universität zu Köln vom 6.–9. November 2019

FORSCHUNGSÜBERBLICK

Gegenwärtig besteht ein wachsendes Interesse an Anthropologie. Das zeigt sich insbesondere an der breiten Konkurrenz wissenschaftlicher Anthropologien: sei es in Hirnforschung, Evolutionsbiologie, oder vergleichender Psychologie, sei es in Ethnologie, Soziologie, Medizin oder Theologie.

Ein vergleichbares Szenario skizzierte Max Scheler schon 1928 im Vorwort zu seinem berühmten philosophischen Essay „Die Stellung des Menschen im Kosmos“: „Die immer wachsende Vielheit von Spezialwissenschaften“, so Scheler, „die sich mit dem Menschen beschäftigen, verdeckt, so wertvoll diese sein mögen, überdies weit mehr das Wesen des Menschen, als daß sie es erleuchtet". Diese Problemanzeige ist immer noch aktuell: So setzt die Arbeit des Research Lab der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne genau hier an. Zentral ist die Frage nach der gegenwärtigen Möglichkeit einer philosophischen Anthropologie – die weder der Skylla einer mehr oder weniger isolierten philosophischen Grundlegung, noch der Charybdis einer disziplinären Atomisierung in naturwissenschaftliche versus geisteswissenschaftliche Expertisen verfällt. ‚Interdisziplinäre Anthropologie‘ bezeichnet den Versuch, derartige Engführungen zu umgehen und die verschiedenen Zugänge zum Menschen miteinander zu vermitteln. Das heißt auch, die disziplinären Spielarten und epistemischen Bedingungen des Denkens des Menschen über den Menschen methodologisch zu berücksichtigen.

Die Kölner Pioniere der Philosophischen Anthropologie, Max Scheler (1874–1928), Helmuth Plessner (1892–1985) und später Nicolai Hartmann (1882–1950), sind für dieses Projekt ideale Dialogpartner, denn sie sind zugleich Pioniere einer interdisziplinären Zusammenarbeit. Um ihre gegenwärtige Bedeutung neu zu reflektieren, bietet der feierliche Rahmen des 100-jährigen Universitätsjubiläums den idealen Anlass: Denn Max Scheler, Helmuth Plessner und Nicolai Hartmann haben den Neuanfang der Kölner Universität wesentlich mitgeprägt.
Die Verbindung systematischer Fragestellungen mit der historischen Kontextualisierung soll im Verlauf der viertägigen Veranstaltung dazu beitragen, Modelle, Methoden und Praktiken interdisziplinärer Anthropologie gemeinsam mit den drei Gesellschaften in drei Sektionen eingehend zu erörtern.

WISSENSCHAFTSGESCHICHTLICHE REFLEXION UND EPISTEMISCHE PRAKTIKEN

Ausgehend vom aktuellen Stand der Forschung zu den historischen (Arbeits-)Bedingungen interdisziplinären Austausches im Umfeld von Max Scheler, Helmuth Plessner und Nicolai Hartmann soll die damalige Wissenschaftslandschaft des progressiven Wissenschaftsstandortes Köln in anthropologischer Hinsicht rekonstruiert werden. Um die Bedeutung und insbesondere das Potenzial dieser Konstellation für die gegenwärtige Frage nach einer interdisziplinären Anthropologie zu kartieren, soll die Verschränkung von epistemischer und institutioneller Praxis dieser Forscher und ihrer Fächer in den Blick genommen werden:

Scheler, der von Konrad Adenauer nach Köln berufen wurde, baute das Institut für Soziologie und Sozialpsychologie auf und stand nicht nur in engem Kontakt mit den führenden Soziologen seiner Zeit, sondern arbeitete in engem Austausch mit Gestaltpsychologie und Psychopathologie.

Plessner gründete eines der interessantesten Zeitschriftenprojekte der 20er Jahre, den Philosophischen Anzeiger, der sich explizit als interdisziplinäre Zeitschrift für die Zusammenarbeit der Philosophie mit den Einzelwissenschaften verstand.

Hartmann hielt mit seinen ‚Disputationen‘/‚Circel-Protokollen‘ Arbeitstreffen, die für die Wissenschaftslandschaft der Weimarer Republik von hoher Strahlkraft waren.

ANTHROPOLOGISCHE KATEGORIEN IN SICH WANDELNDEN GESELLSCHAFTEN: PERSON, EMOTION UND WERT

Alle drei Philosophen eint ein umfassendes Nachdenken über das Verhältnis von Person, Sozialität und Gesellschaft. Angesichts der großen Fragen unserer Zeit – bspw. Migration, Menschenrechte, Klimawandel oder Digitalisierung – sind philosophisch-anthropologische Theorien gefordert, die verständlich machen, wie implizite und explizite Werte und Normen sich ausbilden, wie sie begründet und wie sie kritisiert werden können. Der Bezug auf normative Praktiken soll u. a. durch einen Fokus auf den ‚emotional turn‘ der Gegenwart erfolgen (Empathie, Ressentiment, politische Gefühle, shared emotions etc.). Diese zweifache Akzentsetzung ist von der Intuition geleitet, dass die drei Philosophien eine ganze Palette an feinen Differenzierungen und ontologischen Klärungen hinsichtlich des Verhältnisses von Affekten, Emotionen, Gefühlen, Ausdruckverhalten und Werten bieten, die an systematischer Bedeutung und begrifflicher Klarheit den Entwürfen der Gegenwart überlegen sein könnten.

ONTOLOGIEN DES MENSCHLICHEN UND DIE ZUSAMMENARBEIT DER PHILOSOPHIE MIT DEN EINZELWISSENSCHAFTEN

Schließlich soll der Geltungsanspruch dieser drei anthropologischen und ontologischen Entwürfe zur Debatte stehen und derart die Frage nach einer möglichen Fundierung aller Wissenschaften gestellt werden. Alle drei müssen sich der großen Frage stellen, wie universal ihre Thesen – über die exzentrische Positionalität (Plessner), die Sympathieformen (Scheler) und Wirklichkeitsbezug (Hartmann) – angesichts der kulturellen und historischen Vielfalt einerseits sowie der Herausforderungen von Neo-, Post- und Transhumanismus andererseits tatsächlich sein können. Dieser epistemologische Zugriff wird anhand verschiedener Kontextualisierungen konkret: So sollen die Gemeinsamkeiten und Differenzen der Anthropologien/Ontologien einerseits mit den großen philosophischen Strömungen ihrer Zeit erfasst werden – wie bspw. Lebensphilosophie, Neukantianismus, Phänomenologie und Wissenssoziologie – andererseits am Begriff von Praxis mit Anthropologien der Gegenwart in den Dialog gebracht werden.

RAHMENPROGRAMM

Neben einem attraktiven Abendprogramm (Besuch des Museums Ludwig, in dem das Hartmann-Portrait von Gerhard Richter hängt, Umtrunk in der „Kleinen Glocke“, dem Treffpunkt des intellektuellen Kölns in den 20er Jahren, Besuch des Grabes von Max Scheler) wird die Veranstaltung durch ein Doktorandenkolloquium, mit anschließender feierlicher Eröffnung sowie einem Abschlusspanel zu den epistemischen Praktiken des Edierens und Übersetzens gerahmt. Durch eine solche Einbettung der Sektionen soll das gelebt werden, was der Titel ankündigt: Philosophische Anthropologie als interdisziplinäre Praxis ernst zu nehmen.

Um Anmeldung wird gebeten unter edzwiza(at)uni-koeln(dot)de

Zum ausführlichen Programm geht es hier (PDF).