Politische Transformation – Transformationen des Politischen: Feministische Perspektiven und Interventionen

Tagung des Arbeitskreises Politik und Geschlecht (DVPW)

Seit den jüngsten Umbrüchen und Revolten im Jahr 2011 in der Region des Nahen Ostens und Nordafrikas wird wieder intensiv nach den Möglichkeiten von geschlechterpolitischem Wandel in politischen Transformationsprozessen gefragt und geforscht. In den zum Teil noch anhaltenden Protesten und Widerständen sind Geschlechterpolitiken zentraler Austragungsort über die Richtungen zukünftiger politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen. Angestoßen wurde die Debatte über Transformationen und Geschlecht mit den Demokratisierungsprozessen in Lateinamerika, Osteuropa, Afrika sowie in Teilen Asiens in den 1980er Jahren. Diese hat kontroverse feministische Debatten, aber auch theoretische und konzeptionelle Ansätze hervorgebracht. So wurden beispielsweise die Einflussmöglichkeiten emanzipatorischer zivilgesellschaftlicher Kräfte auf institutionelle Akteur*innen (wie Parteien) für eine nachhaltige Implementierung demokratischer Politiken und Institutionen herausgearbeitet. Untersuchungen in den 1990er Jahren zu den Umwälzungen im Zuge der Wende in Deutschland und Osteuropa haben ferner gezeigt, dass diese Prozesse erst in ihrer gesellschaftlichen Dimension verstanden werden können, wenn Geschlechterverhältnisse als eine der zentralen Strukturen gesellschaftlicher Reproduktion in die Analyse einbezogen werden.

Die jüngsten postkolonial-queer-feministischen Forschungen zu Transformation verdeutlichen die Neukonfiguration von Geschlechterpolitiken, die sich nicht mehr allein auf der nationalen Ebene oder in einem Nord-Süd-Verhältnis verorten lassen. So müssen transnationale Kooperationspolitiken, Normen und Aushandlungen zunehmend als Süd-Süd-Beziehungen konzipiert werden, die die bisherigen Paradigmen der Area Studies theoretisch und empirisch in Frage stellen. Zugleich wirken transnationale ökonomische Verflechtungen auf lokale Geschlechterverhältnisse und verändern Geschlechteridentitäten, sodass transnational-lokale Wechselbeziehungen Augenmerk wissenschaftlicher Betrachtung sind. Vor dem Hintergrund dieser facettenreichen Debatte über Transformationen ist die Frage zu diskutieren, wie politische Transformationsprozesse aus feministischer Perspektive analysiert werden können und wie die jeweiligen Akteur*innen das Politische transformieren?

Call for Papers (7. Juli):

Wir wünschen uns Beiträge, die sich u.a. mit folgenden Fragen beschäftigen:

  • Inwiefern und in welcher Art und Weise gestalten geschlechterpolitische Akteur*innen Transformationsprozesse? In welchem Verhältnis stehen sie dabei zu sozialen Bewegungen und anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen?
  • Wie sind lokale Transformationsprozesse in globale Prozesse eingebunden? Welche neuen Formen transnationaler Geschlechterpolitiken entstehen in diesen Transformationsprozessen?
  • Welche Neuerungen ermöglicht eine feministische Area Studies-Debatte? Werden durch die neuen, zunehmenden Süd-Süd-Beziehungen entsprechend neue Geschlechterpolitiken produziert? In welchem Verhältnis stehen lokale, regionale, globale und/oder transregionale Aushandlungen und Politiken?
  • Mit welchen Kritiken konfrontieren postkoloniale, queere und feministische Theorien und Praxen zu Sicherheit gängige Diskurse und Politiken über kriegerische Interventionen? Inwiefern fordern neuere Analysen über (post-)konflikt Kontexte bisherige Erkenntnisse feministischer Studien zu Transformationsprozessen heraus?
  • Inwiefern greifen soziale, ökonomische, ökologische und politische Transformationsprozesse ineinander? Was bedeutet dies für theoretische Ansätze und Konzepte?
  • Welche feministischen Visionen und Utopien zu Transformationsprozessen existieren?
  • Wie können politische Transformationsprozesse geschlechtergerecht gestaltet werden? Welche analytischen Interventionen bieten postkolonial-queer-feministische Perspektiven?
  • Welche Impulse entstehen aus der relationalen Betrachtung von Geschlecht und Transformation für die politikwissenschaftliche Analyse? Welche neuen theoretischen und methodischen Ansätze entstehen durch diese Perspektive?

Mit dem Call laden wir Beiträge ein, die in Einzelfallanalysen oder vergleichend politische Transformationen und Geschlecht zusammen denken. Wir erhoffen uns nicht nur empirische Beiträge, sondern zielen auch darauf neue theoretische Rückschlüsse in der Reflexion der Transformationsforschung zu diskutieren. Ausgesuchte Beiträge werden publiziert.
Abstracts (ca. 350 Wörter) und kurze biografische Angaben (ca. 50 Wörter) bitten wir bis zum 07. Juli 2016 per Email an die Sprecherinnen des Arbeitskreises unter folgender Email Arbeitskreis Politik und Geschlecht [akpg[a]web.de] zu schicken.

Weitere Informationen zum Arbeitskreis „Politik und Geschlecht“ in der DVPW