Queer. Widerstand. (Anti-)Kapitalismus und globale Ökonomien. Genealogien, Potentiale und Politiken queer-feministischer Kapitalismus- und Ungleichheitskritik

Jahrestagung der Sektion Politik und Geschlecht in der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft

Keynote: Anna Agathangelou (York University, Toronto/Tkaronto)

Das Verhältnis von „queer“, „Kapitalismus“ und „Klasse“ ist seit einiger Zeit wieder verstärkt Gegenstand von bewegungspolitischen Debatten, theoretischen Analysen und aktivistischen Mobilisierungen, nicht zuletzt auch im deutschsprachigen Raum. Die Schwerpunkte der Diskussion liegen in diesem Zusammenhang aktuell vor allem auf Ausschlüssen durch „Klassismus“ (z. B. innerhalb queerer Communities) und/oder der mangelnden klassenpolitischen bzw. kapitalismuskritischen Ausrichtung queerer Theorie- und Bewegungskontexte selbst. Gleichzeitig werden materialistische Perspektiven queeren Perspektiven teilweise antithetisch gegenübergestellt und jenseits queer(-feministischer) Theorien und Politiken verortet. Geteilte bewegungspolitische und theoretische Genealogien und Analyseperspektiven zu kapitalistischen Produktionsverhältnissen bleiben hier ebenso ausgeblendet wie die vielfältigen queeren, feministischen und LGBTI*Q Widerstands- und Solidaritätspraktiken, die sich beispielsweise im Rahmen von Gewerkschafts- und Arbeitskämpfen sowie anderen kapitalismus- und rassismuskritischen, anti- und dekolonialen Kämpfen und Protestbewegungen im Globalen Süden wie Norden formiert haben.

Gleichzeitig sind diese aktuellen und vergangenen sozialen Kämpfe u.a. um Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse, um Land und Besitz, gegen Ausbeutung, Enteignung, und Staatsgewalt tatsächlich bis heute keine präferierten Themen queerer und queer-feministischer Analysen im angloamerikanischen wie deutschsprachigen akademischen Kontext. Vice Versa bleiben queere und heteronormativitätskritische Perspektiven in entsprechenden Auseinandersetzungen um Produktions- und Reproduktionsverhältnisse in klassischen (post-)marxistischen Analysen ein Randthema und werden auch in neueren politikwissenschaftlichen Debatten um „ökologische Nachhaltigkeit“, „Commons“, „alternative Ökonomien“, „De-Growth“ oder „Postwachstum“ wenig rezipiert.

Auf unserer Tagung möchten wir daher aus einer politik- und sozialwissenschaftlichen Perspektive die Potentiale queerer Klassen- und Kapitalismusmuskritiken ausloten: Diese sollen erstens vor dem Hintergrund der komplexen Verstrickungen von queeren und queer-feministischen Mobilisierungen mit intersektionalen, globalen Ungleichheitsverhältnissen diskutiert werden. Dabei gilt es auch damit einhergehende Widersprüche innerhalb kapitalistischer Verhältnisse vor dem Hintergrund aktueller Kämpfe um rechte Hegemonien und rassifizierenden Interpretationen von LGBTI*Q-Rechten als Marker für „Moderne“ und „Entwicklung“ in den Blick zu nehmen. Zweitens wollen wir mit dieser Tagung marginalisierten Genealogien ebenso wie queeren Lesarten entsprechender politischer Kämpfe und Bewegungen in Vergangenheit und Gegenwart einen Raum geben. Drittens möchten wir einen Austausch und Debatten über Visionen und Möglichkeiten post-kapitalistischer Zukünftigkeiten und Utopien anregen.

Ziel der Tagung ist es, produktive Potentiale einer materialistischen, queer-feministischen Theorie herauszuarbeiten, weiter zu entwickeln und für eine kritische Analyse kapitalistischer Gegenwärtigkeit sowie die Imagination alternativer Zukünftigkeiten auszuloten.

Wir freuen uns über Beitragsvorschläge, die sich aus einer politik- und/oder sozialwissenschaftlichen Perspektive mit den folgenden Themenkomplexen beschäftigen:

  • Queere und queer-feministische Weiterführungen etablierter Klassen- und Kapitalismustheorien, insbesondere unter Einbeziehung intersektionaler, post-/dekolonialer und transnationaler Perspektiven
  • Marginalisierte Traditionen queerer Klassen- und Kapitalismuskritiken, beispielsweise materialistische Ansätze in lesbischen, trans* und/oder BIPOC2 Feminismen
  • Queere, feministische und LGBTI*Q Bewegungspolitiken zu Klassen- und Kapitalismusfragen in unterschiedlichen geopolitischen und historischen Kontexten, insbesondere auch Solidarisierungs- oder Bündnispolitiken
  • Queer-feministische Lesarten und Perspektiven auf Klassen- und Arbeitskämpfe sowie Gewerkschafts- oder Lohnpolitiken, insbesondere Einbeziehung unterschiedlicher geopolitischer Kontexte und intersektionaler Ungleichheitsverhältnisse
  • ‚Gelebte‘ queere, queer-feministische, feministische und LGBTI*Q-antikapitalistische und kapitalismuskritische Alltagspraxen und Projekte (z. B. Gemeinwohl- oder Schenkökonomien, Landpolitiken, Commons, Haus- und Wohnprojekte)
  • Visionen und Utopien von postkapitalistischen, nachhaltigen Ökonomien und Gesellschaften aus einer queer-feministischen Perspektive
  • Potentiale und Leerstellen queerer Klassen- und Kapitalismuskritiken

Der Veranstaltungsort der Konferenz ist rollstuhlgerecht zugänglich. Eine Kinderbetreuung wird organisiert.

Organisation und Konzeption:

14. Sprecher*innenrat der Sektion Politik und Geschlecht der deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW)

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