Religionssoziologie und soziologische Theoriebildung

Jahrestagung der Sektion Religionssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Bei der Etablierung der Soziologie als einer eigenständigen Disziplin spielten religionssoziologische Themen und Gegenstände eine prominente Rolle. Die darauf bezogenen Konzepte gewannen nicht nur für die Religionssoziologie grundlegende Bedeutung, sondern fanden auch Eingang in den allgemeinen Theoriehaushalt des Faches. Beispiele dafür sind die Charisma- und die Rationalisierungstheorie Max Webers oder Emile Durkheims Konzepte von Sakralität und kollektiver Efferveszenz. Auch spätere Soziologen haben in der Beschäftigung mit Religion Arbeiten von grundlegender Relevanz hervorgebracht. Man denke nur an den wissenssoziologischen Ansatz von Peter L. Berger und Thomas Luckmann, an das Konzept sozialer Felder von Pierre Bourdieu oder die Arbeiten zum Fundamentalismus des jüngst verstorbenen Martin Riesebrodt.

Umgekehrt wurde die Religionssoziologie in ihren Perspektiven und Forschungsinteressen immer wieder stark von allgemeinen theoretischen Entwicklungen, Paradigmen und Trends der Soziologie beeinflusst. So hat das lange Zeit vorherrschende Modernisierungsparadigma auch der Beschäftigung mit Religion, insbesondere der Säkularisierungstheorie, seinen Stempel aufgedrückt. Die Systemtheorie lenkte die Aufmerksamkeit auf religiöse Kommunikation, während in der new religious economics vor allem Theorien rationaler Wahl religionssoziologisch fruchtbar gemacht wurden. Derzeit provozieren etwa die sozial- und kulturwissenschaftlichen ‚turns‘ wie der material, der visual, der performative oder der body turn neue Perspektiven auf Religion und Spiritualität, ohne dass hier freilich schon größere theoretische Entwürfe sichtbar wären.

Die Tagung nimmt diese Beobachtungen zum Anlass, das komplexe und vielschichtige Verhältnis von Religionssoziologie und allgemeiner soziologischer Theorie genauer zu diskutieren. Erwünscht sind Beiträge, die sich mit folgenden Themen beschäftigen:

Erstens: Welche Paradigmen der soziologischen Theorie werden in der Religionssoziologie gegenwärtig rezipiert? Zur Zeit der Neubegründung der Sektion Religionssoziologie der DGS dominierte die Auseinandersetzung mit den Klassikern (z.B. Krech/Tyrell, Hrsg. 1997), die ihre Ergänzung insbesondere durch die Berücksichtigung neuerer Theorien religiöser Individualisierung, Rational-Choice- und Differenzierungstheorien fand. Für die jüngere Diskussion scheint demgegenüber einerseits ein starker Bedeutungsgewinn empirischer (quantitativer wie qualitativer) Zugänge charakteristisch, andererseits (parallel zur allgemeinen soziologischen Theorieentwicklung) eine zunehmende Theorienvielfalt. Angesichts dieser Pluralisierung von Theoriebezügen strebt die Tagung einen reflexiven Blick auf die Theorierezeption in der Religionssoziologie an: Wie hat sich hier die ‚Verarbeitung‘ theoretischer Ansätze in den letzten beiden Jahrzehnten verändert? Welche Theoriekonjunkturen sind zu erkennen? Welche Bedeutung haben die klassischen Ansätze weiterhin? Welche neueren makro-, meso- oder mikrosoziologischen Ansätze erweisen sich in der religionssoziologischen Forschungslandschaft als besonders fruchtbar? Vor allem im deutschsprachigen Raum ist z.B. erst in Ansätzen diskutiert, welche Konsequenzen die ANT (Latour) für die religionssoziologische Forschung und die Konzeptualisierung von Religion und Spiritualität mit sich führen. Welche Impulse gilt es aus benachbarten Zweigdisziplinen wie der Organisations-, der Migrations-, der Architektur- oder der Körpersoziologie aufzugreifen? Welche Effekte zeitigen die vielen sozial- und kulturwissenschaftlichen turns der letzten Jahre auf die religionssoziologische Theoriebildung? Gesucht werden nicht Beiträge, die selbst Theorien für bestimmte Forschungsfragen anwenden oder die vorrangig Disziplingeschichte betreiben, sondern solche, die die Theorieanwendung in der jüngeren (deutschsprachigen sowie internationalen) Religionssoziologie kritisch reflektieren.

Zweitens: Wo wird religionssoziologische Forschung selbst theorieproduktiv? Die Bedeutung religionssoziologischer Themen für die klassische Theorieentwicklung lag einerseits begründet in der historischen Bedeutung religiöser Faktoren für die Herausbildung der modernen Gesellschaft (z.B. Max Weber), andererseits in der Eigenart religiösen Sinns, der prototypisch zentrale Merkmale sozialer Tatbestände schlechthin zum Ausdruck bringt (z.B. Durkheim; Berger/Luckmann; Luhmann). Umgekehrt erklärte sich der zwischenzeitliche Bedeutungsverlust der Religionssoziologie (und damit verbunden die Auflösung der Sektion zu Beginn der 1970er Jahre) dadurch, dass man in den Sozialwissenschaften ebenso wie in einer weiteren intellektuellen Öffentlichkeit von einem weitgehenden Bedeutungsverlust der (i.S. eines substantiellen Begriffs verstandenen) Religion in der Moderne ausging. Spätestens durch die massenmediale Aufmerksamkeit auf religiös begründete Fundamentalismen ist die fortdauernde Bedeutung religiöser Tatbestände jedoch unabweisbar. Die intensive Säkularisierungsdebatte der zurückliegenden Jahre machte etwa deutlich, dass Theorien, welche der Religion im Differenzierungsprozess zwangsläufig einen Bedeutungsverlust attestieren, selbst einer Modifikation bedürfen. Die Implikationen dieser Debatte für die differenzierungstheoretische Perspektive selbst sind indessen noch keineswegs ausgelotet (vgl. Schwinn 2013). Welche Erkenntnisse, Fragestellungen, Anregungen zur allgemeinen soziologischen Theorieentwicklung finden sich also in der gegenwärtigen religionssoziologischen Forschung? Gefragt sind nicht zuletzt solche Beiträge, welche religionssoziologische Arbeiten aus dem Blickwinkel der allgemeinen soziologischen Theorie oder aus dem Fokus anderer Teildisziplinen rezipieren.

Beide Fragenkomplexe sollen dazu dienen, die Debatte über das Verhältnis von Religionssoziologie und soziologischer Theoriebildung zu intensivieren. Kritisch darf dabei in wissenschaftstheoretischer und -soziologischer Perspektive durchaus auch die Frage nach dem (kumulativen?) Erkenntnisfortschritt in der Religionssoziologie zur Sprache kommen.

Call for Papers (bis 15. Oktober 2015)