Praktiken des Wissens

Spring School des Doktoratsprogramms "Soziologie und Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften"

Seit einigen Jahren lässt sich auch in der Wissenschaftssoziologie, Wissenschaftsgeschichte und Soziologie ein practice turn beobachten. Die Produktion und Organisation von Wissen, die Entstehung von Wissensordnungen und -kulturen, das Auftauchen von Wissen, die Rezeption und Verbreitung von Wissen, die Wirkung von Wissen, die Professionalisierung von Wissen, das Ausschalten von Wissen bzw. Nicht-Wissen, die Mikro-Praktiken des Wissens wie Schreiben, Ordnen, Klassifizieren, Wissen zu lehren, zu erwerben, zu verkaufen etc. – all das kann unter einer praxistheoretischen Perspektive als „Praktiken des Wissens“ untersucht und beschrieben werden. Berühmte Beispiele, die eine Soziologie und Geschichte der Wissenschaften aus einer solchen praxistheoretischen Perspektive entwickelt haben, sind etwa Pierre Bourdieus Homo academicus oder Peter Burkes Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft. Nicht nur naturwissenschaftliches Wissen, auch die unterschiedlichen Facetten der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften können praxistheoretisch analysiert werden. So können zum Beispiel die Geschichte empirischer Forschungspraktiken und deren Durchsetzung, Praktiken des boundary work innerhalb oder zwischen den Disziplinen ebenso Gegenstand der Analyse sein wie wissenschaftliche Schreibpraktiken. Eine kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft wiederum kann sich die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Wissen und damit zusammenhängenden Praktiken stellen und dabei ausloten, welche Rolle Kulturtechniken wie z.B. Schreiben für die Wissen(schafts-) wie Literaturproduktion spielen. In den Blick gerät dadurch nicht nur der prozessuale Charakter der Literatur als Wissenspraxis, als ein komplexes Ensemble von Dingen, Akteuren und Praktiken, sondern auch das Konzept literaturwissenschaftlichen Forschens als Experimentalsystem im Sinne Hans-Jörg Rheinbergers. Mit praxistheoretischen Zugängen erhalten Orte wie Bibliotheken, Archive und Arbeitsräume konstituierende Funktionen und lassen sich Text-Kontext-Fragen neu stellen. Die Spring School des Doktoratsprogramms „Soziologie und Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften“ (DP SHSCS, doktoratsprogramm-geschichte-soziologie-sozialwissenschaften.uni-graz.at/de/) der Karl-Franzens-Universität Graz soll Diskussionen zu unterschiedlichen Aspekten der Praktiken des Wissens ermöglichen. Dabei sind wissenschaftshistorische und -soziologische Arbeiten aus den Bereichen der Sozial- und Kulturwissenschaften ebenso von Interesse wie konzeptuelle Überlegungen zu den Möglichkeiten und Grenzen einer praxistheoretischen Perspektive auf Wissen.