Schwindet der Grundkonsens? Identitätskonflikte und politische Partizipation in ziviler Gesellschaft

Tagung der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft vom 27. bis 28. Mai 2021 an der Universität Göttingen

Eine Kooperation mit dem DFG/SNF-Forschungsprojekt "Soziale Gruppen und religiöse Identitäten in ziviler Gesellschaft (RESIC)"der Universitäten Göttingen, Leipzig und Luzern

Ausgehend von der zunehmenden politischen Relevanz von Identitätskonflikten und den resultierenden Veränderungen politischer Partizipation widmet sich die Tagung einer politikwissenschaftlich geleiteten und für interdisziplinäre Perspektiven anschlussfähigen Gegenwartsanalyse liberaler Demokratien und bevorzugt der Bundesrepublik Deutschland. Die Tagung stellt das Verhältnis von politischem Wettbewerb, sozialen und religiösen Konflikten und gesellschaftlichem Grundkonsens theoretisch und empirisch zur Diskussion. Gefragt wird, welcher Stellenwert der Vervielfältigung sozialer Identitäten allgemein und religiöser Identitäten im Besonderen gesellschaftspolitisch zukommt, ob sich ein demokratischer Grundkonsens empirisch nachweisen lässt und wie es um die politiktheoretischen Grundlagen eines solchen politischen Zusammenhalts liberaler Demokratien und ihrer (Zivil-)Gesellschaft bestellt ist. Vorschläge für Paper zur zweittägigen Tagung werden in deutscher oder englischer Sprache bis zum 27. November 2020 erbeten.

Zielsetzung der Tagung

Westliche liberale Demokratien haben in jüngster Zeit eine Phase beträchtlicher Herausforderungen erlebt, die durch die aktuelle Covid-19 Krise teils verstärkt und vielleicht auch teils verdeckt werden. Die Diversität der Gesellschaft ist durch Individualisierung, Migration und Flucht gewachsen, die Bedeutung nationaler und religiöser Zugehörigkeiten erlebt eine ungeahnte Renaissance, Ton und Stil des politischen Wettbewerbs werden seit einigen Jahren vermehrt von populistischen Akteuren bestimmt, die Polarisierung im politischen Wettbewerb steigt und lang etablierte Parteiensysteme befinden sich in einem raschen Umbruch. Insbesondere die demokratische politische Mitte wird massiv unter Druck gesetzt. In einer scheinbar widersprüchlichen anmutenden Doppelbewegung steigen gleichzeitig sowohl das zivilgesellschaftliche Engagement als auch radikale und extremistische Aktivitäten in der Bevölkerung. Zudem sind der Raum der Zivilgesellschaft und die Bedingungen der Zugehörigkeit zur (Zivil-) Gesellschaft strittig geworden. Es scheint, dass die mit diesen jüngeren politischen Auseinandersetzungen verwobenen Identitäten und der öffentliche Streit um diese Identitäten die sozialen und politischen Konflikte in der Gesellschaft verschärfen. Konflikte um die Rechte von Minderheiten wie etwa der LGBTQ, die Durchsetzung neuer Parteien wie der AfD, die Anerkennung «neuer» Religionsgemeinschaften wie der Muslime und die Integration von Migrierten werden in westlichen Demokratien heute als Konflikte um geschlechtliche, ethnisch-nationale oder religiöse Identitäten geführt und gedeutet (I. Charim; F. Fukuyama; M. Nussbaum). In der Tat halten insbesondere die Forschungen zu Sozialer Identität (R. Jenkins; H. Tajfel; J.C. Turner; A. Zick) Theorien und Modelle bereit, die sich zum besseren Verständnis und zur Erklärung der aktuellen Identitätskonflikte und -politiken eignen. Um freilich zu verstehen, ob es sich dabei für westliche bzw. europäische Demokratien um systemkonforme oder aber systemdestablisierende Phänomene handelt, ist ein Rückgriff auf politikwissenschaftliche Theorien und Ansätze geboten.

Liberale Demokratien bauen auf einem pluralistischen Gesellschafts-verständnis auf. Die Vielfalt der sozialen und religiösen Zugehörigkeiten, der Interessen und Meinungen im politischen Wettbewerb und deren Verdichtung in konkurrierenden Bewegungen, Interessengruppen und Parteien entspricht der Freiheit ihrer Bürger und ist prinzipiell gewollt. Das Mehrheitsprinzip in politischen Wahlen und parlamentarischen Verfahren ist ein, wenn nicht der zentrale Mechanismus demokratischer Entscheidungsfindung. Politische Partizipation kennt aber auch andere Formen, die der Durchsetzung von Interessen in der (Zivil-)Gesellschaft und anderen Teilsystemen wie Wirtschaft und Bildung dienen. Aus der Perspektive der strukturell-funktionalen Systemtheorie (T. Parsons), der Pluralismustheorie (E. Fraenkel), der politischen System- und Kulturforschung (D. Easton; G. Almond) oder des Postsäkularismus (J. Habermas) sind demokratische Systeme aber auch auf einen gewissen Grund- oder Wertekonsens angewiesen, der der Gefahr einer "Tyrannei der Mehrheit" (A. de Tocqueville) oder eines Zerfalls der politischen Gemeinschaft in isolierte "Blasen", divergierende Milieus und voneinander abgeschottete religiöse oder weltanschauliche "Parallelgesellschaften" entgegenwirkt. Gesellschaftliche und politische Akteure sollten nach diesen politikwissenschaftlichen Demokratietheorien auf beides – Interessen-wahrnehmung und Integration der politischen Gemeinschaft – bedacht sein, um im Rahmen demokratischer Entscheidungsverfahren zu gesamtge-sellschaftlich erträglichen Politikergebnissen zu gelangen. Ist das heute empirisch noch der Fall? Stimmen diese politiktheoretischen Überlegungen des 20. Jahrhunderts noch für die Gegenwart? Und welcher Stellenwert kommt der Renaissance der sozialen Identitäten allgemein und religiöser Identitäten im Besonderen gesellschaftspolitisch zu?

Die Tagung widmet sich ausgehend von Identitätskonflikten und den Veränderungen politischer Partizipation einer politikwissenschaftlich geleiteten und für interdisziplinäre Perspektiven anschlussfähigen Gegenwartsanalyse liberaler Demokratien und bevorzugt der Bundes-republik Deutschland. Gefragt wird nach dem gesellschaftlichen und politischen Umgang mit sozialen Identitäten, den Veränderungen von politischer Partizipation in ihrer ganzen Breite von konventionellen bis unkonventionellen, von legalen bis illegalen Formen sowie dem Zusammenhang von sozialen Identitäten, veränderter politischer Partizipation sowie der Art und dem Ausmaß sozialer und politischer Konflikte inklusive möglicher Erklärungen. Die Analyse zielt darauf, Antworten auf die Frage zu finden, ob es sich nur um eine schärfere, aber schlussendlich doch systemkonforme Art und Weise der politischen Auseinandersetzung handelt oder ob die Veränderungen für eine Krise des demokratischen Grundkonsenses sprechen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Rolle von religiösen Identitäten und deren gesellschaftlicher Verankerung insbesondere in den zahlreichen migrantischen Communities, neueren weltanschaulichen Gruppierungen sowie Kirchen und Religions-gemeinschaften. Dazu werden u.a. die Forschungsergebnisse des interdisziplinären DFG/SNF-Verbundprojekts "Soziale Gruppen und religiöse Identitäten in ziviler Gesellschaft – (RESIC)" zu Deutschland und der Schweiz vorgestellt (https://resic.info/).

Veranstalter

CfP (PDF)