Sexualitäten in der Geschichte

Gründungsworkshop für einen interdisziplinären Arbeitskreises

In Kooperation mit dem DFG-Projekt »Die Homosexuellenbewegung und die Rechtsordnung in der Bundesrepublik«/Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin und der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Obwohl seit den 1990er Jahren auch im deutschsprachigen Raum vermehrt sexualgeschichtliche Studien erschienen sind, ist dieses Thema innerhalb der hiesigen geistes- kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung und Lehre immer noch stark unterrepräsentiert. Außerhalb der
sexualwissenschaftlich-medizinischen Fachdisziplin scheint Sexualität weiterhin nicht als seriöser Untersuchungsgegenstand zu gelten und wird häufig pauschal mit der Geschlechterforschung verknüpft, die gleichfalls immer noch randständig ist.

Im Vordergrund geschichts- und kulturwissenschaftlicher Studien zur Sexualität standen bislang vor allem körper- und biopolitische Aspekte also bspw. Diskurse und Praktiken zur staatlichen Steuerung der Reproduktion von Bevölkerungen. Auch die Geschichte und Gegenwart von marginalisierten Sexualitäten wurde in zahlreichen Untersuchungen aufbereitet. Seit Ende der 1990er Jahre haben sich Historikerinnen sowie Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerinnen zudem vermehrt mit sexualisierter Gewalt und der Ausformung des jeweiligen Sexualstrafrechts in verschiedenen historischen Gesellschaften sowie in der Gegenwart befasst. Lag der Fokus lange auf der deutschen Geschichte seit dem Kaiserreich bis in die Nachkriegszeit – insbesondere die Sexualpolitik im Nationalsozialismus ist in den letzten Jahren immer wieder Gegenstand historischer Studien geworden – rücken jüngere Projekte auch die Bundesrepublik sowie vereinzelt die DDR in den Mittelpunkt. Dabei wächst auf der einen Seite die Kritik an der (Selbst-)Stilisierung der sogenannten 1968er, mit ihrer »sexuellen Revolution« eine grundlegende Liberalisierung der sexuellen Verhältnisse bewirkt zu haben. Auf der anderen Seite wird eben dieses kritisierte Revolutionsparadigma neu, differenzierter, oder anders formuliert. Intensiver untersucht wird seit der Jahrtausendwende auch die Geschichte der deutschen Sexualwissenschaft als Fachdisziplin selbst.

Trotz der vielfältigen Publikationen in diesem Themenfeld scheinen die bislang vorliegenden Fallstudien kaum miteinander verknüpft zu sein. Auch wurde die Bedeutung interdisziplinärer Forschung zur Sexualität in Geschichte und Gegenwart ebenso peripher thematisiert wie grundsätzliche theoretische Fragestellungen und Begriffsdebatten kaum Beachtung finden. Zu fragen wäre etwa, was genau unter einer Geschichte der Sexualitäten zu verstehen ist, in welche gesellschaftlichen und begrifflichen Konstellationen die jeweiligen Projekte der Geschichtsschreibung eingebunden sind, und wo dem Forschungsgegenstand Grenzen inhärent sind.

Daran anknüpfend werden auch forschungspraktische und forschungsethische Aspekte bislang nur randständig thematisiert, obwohl gerade in diesem Forschungsfeld spezifische Herausforderungen und mögliche Hindernisse auftreten können. Debattieren möchten wir auch über Zeiträume – ab wann können wir von einer Geschichte der Sexualitäten sprechen? Und auf welchen theoretischen Fundamenten sollte dieses Forschungsfeld stehen?

Der erste Workshop soll zunächst einer Bestandsaufnahme des bisher Geleisteten dienen. Forscherinnen, die sich im deutschsprachigen Raum oder in einem damit eng verbundenen Forschungszusammenhang historisch mit Sexualitäten in Geschichte beschäftigen, wird die Gelegenheit zur Vorstellung ihrer Projekte gegeben. Der Workshop ist interdisziplinär ausgerichtet und lädt ausdrücklich nicht nur Historikerinnen, sondern auch Vertreterinnen anderer (geistes- und sozial-)wissenschaftlicher Disziplinen, insbesondere aus der Germanistik, der Kunst- und Kulturwissenschaft, der Theologie oder der Politik- und Soziologie ein. Ziel ist eine langfristige Vernetzung von Forscherinnen aus diesem Themenfeld.

Angelehnt an die Forschungsdesiderate schlagen die Organisator*innen
folgende Themen vor:

– Sexualität und Rassismus/Kolonialismus
– Sexualität und Antisemitismus
– Sexualität und Neue Medien
– Sexualität und soziale Bewegungen
– Alterssexualität
– sexuelle Praktiken
– Liberalisierung und Regression
– Kommodifizierungspraxen
– Forschungshemmnisse/Probleme und Forschungsethik
– Verhältnis des Forschungsgegenstands Sexualitätsgeschichte und Identitäten sowie die Subjektivität von Forscher*innen
– theoretische Grundlagen der Erforschung von Sexualitäten in der Geschichte

Auf dem Workshop soll dann zur Verstetigung dieser wissenschaftlichen Debatten ein Arbeitskreis „Sexualitäten in der Geschichte“ aus der Taufe gehoben werden, alle Teilnehmenden sind zur Mitarbeit eingeladen.

Der Workshop findet vom 17. bis 18. Mai 2019 in Berlin am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin statt. Tagungssprache ist Deutsch; Vorträge können aber auch in englischer Sprache präsentiert werden.

Den Keynote-Vortrag wird bei diesem Workshop konnte Prof. Dr. Franz X. Eder (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Wien) halten.

Organisator*innen: Sebastian Bischoff (Universität Paderborn), Julia König (Johannes Gutenberg-Universität Mainz), Dagmar Lieske (Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main)

Bei dem Workshop stehen den Vortragenden 20-25 Minuten zur Präsentation ihres Vortrags zur Verfügung; danach ist Zeit für eine intensive gemeinsame Diskussion eingeplant.

Kontakt
Dagmar Lieske
Theodor-W.-Adorno Platz 6, D-60323 Frankfurt am Main
lieske(at)em.uni-frankfurt(dot)de

Hier geht's zur Veranstaltungsankündigung (Link).