Skandalkulturen – Kulturen der Skandalisierung

Jahrestagung der DGS-Sektion Kultursoziologie an der Universität Kassel vom 30. September bis 2. Oktober 2019

Vom Folterskandal in Abu Ghraib über Abgasmanipulationen der Automobilwirtschaft bis hin zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche: Obwohl Skandale bereits quasi-definitorisch durch hohe gesellschaftliche Aufmerksamkeit und damit empirische Relevanz gekennzeichnet sind, ist die Soziologie bisher nicht über eine rudimentäre Auseinandersetzung mit diesem Phänomen hinausgekommen. Ihren analytischen Bezugspunkt findet die Soziologie des Skandals letztlich seit Durkheim in sozialen Normen und individuellen Normabweichungen. Diese Perspektive läuft jedoch Gefahr, diskursiven Phänomenen, also ihrem eigentlichen Gegenstand, und damit unfreiwillig gesellschaftlichen Logiken der Skandalisierung und Definitionen des Skandalösen zu folgen –und so zur Reproduktion einer spezifischen Aufmerksamkeitsökonomiebeizutragen. Mediensoziologische Arbeiten zur öffentlichen Her-stellung von Skandalen und Beiträge der politischen Soziologie mit ihrem Fokus auf die strategische und repräsentative Bedeutung von Skandalen tragen hier zu einer differenzierteren Sichtweise bei. Eine Kultursoziologie des Skandals, die in ganz grundsätzlicher Weisegesellschaftliche Wissensordnungen und Semantiken, Prozesse der Sinnzuschreibung sowie symbolische Ordnungen des jeweils Skandalösen oder Skandalisierbaren in den Mittelpunkt stellt, liegt jedoch allenfalls in Ansätzen vor. Im Kontext des Workshops möchten wir daher grundlegende konzeptionelle Fragen und Gegenstandsbereiche adressieren:

  • Wie schlagen sich kulturelle Voraussetzungen in der (Nicht-) Skandalisierung von Phänomenen wie Bestechung oder Kunstfälschung nieder? Welche kulturellen, normativen und kommunikativen Hintergrundprämissen sind es, die bestimmte Ereignisse und Praktiken erst als skandalös bzw. skandalisierbar erscheinen lassen, die die Dynamik von Skandalisierungsprozessen sowie deren Abarbeitung beeinflussen und ggf. auch über ihren Ausgang mitentscheiden?
  • Inwiefern haben sich dabei –in jüngerer Zeitvermehrt? –Skandalkulturen herausgebildet, die „skandalöse“ Ereignisse mit besonderer Aufmerksamkeit belegen, gezielt publik machenoder auch vertuschen–und sie damit nicht zuletzt auch als Skandale erst hervorbringen? Lässt sich vielleicht im Sinne Durkheims ein Wandel der conscience collective behaupten, eine Veränderung im „Erregungsniveau“ von Gesellschaften –und wie genau ließe sich diese genauer qualifizieren?
  • Inwieweit deutet die gestiegene öffentliche Sensibilisierung –man denke an Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche oder #metoo –zudem einen Wandel im kulturellen Umgang mit Skandalen in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit und in den von Skandalen betroffenen Handlungsfeldern an?
  • Lassen sich Skandalisierungsdynamiken an bestimmte gesellschaftliche Sphären wie Kunst, Film und Fernsehen aber auch Sport oder Religion sowie deren Organisationen und kulturelle Eigenlogiken rückbinden? Welchen Einfluss haben unterschiedliche Felder der Kulturproduktion auf Prozesse der Skandalisierung, etwa im Sinne spezifischer semantischer Formen der Euphemisierung oder sekundärer Skandalisierungen von Skandalen?
  • Entgegen der vielfach bemühten Einzelfallrhetorik können als skandalös wahrgenommene Ereignisse dabei durchaus mit verstetigten Praktiken einhergehen, sodass schließlich Skandal-routinen und Skandalisierungsrituale nicht nur als „institutionalisierte Konfliktform“ (Kaesler),sondern auch als „institutionalisierte Integrationsform“ in den kultursoziologischen Blick geraten. Ausgehend von Durkheims These der normativ integrierenden Effekte von Skandalen und Luhmanns Fokus auf den moralisierenden Charakter von Skandalkommunikation kann eine kultursoziologische Perspektive überdies die Annahme einer Funktionalität von Skandalen für die Aufrechterhaltung kultureller und institutioneller Ordnungen nahelegen. Zu analysieren wäre also nicht nur, inwieweit skandalisierte Ereignisse auf institutionelle und strukturelle Besonderheiten zurückgeführt werden können, sondern ebenso, auf welche Weisen sie auf institutionelle Settings zurückwirken.
  • Was lässt sich schließlich in kulturvergleichender Perspektive über die Logik von Skandalen und Skandalisierungen lernen? Welche Rolle spielen Skandale etwa in unterschiedlichen Regionen, in denen das Verhältnis von privater und öffentlicher Sphäre verschiedenartig austariert und codiert ist, und inwieweit lassen sich hierüber unterschiedliche Modi der (Nicht-) Skandalisierung formal ähnlicher Ereignisse erklären?

Vor dem Hintergrund einer solchen breiten kultursoziologischen Sichtweise auf Skandal und Skandalisierung sollen theoretisch-konzeptionelle Beiträge wie auch empirische Untersuchungen zum vorgeschlagenen Workshop eingeladen werden.

Organisator*innen: André Armbruster (Duisburg-Essen – andre.armbruster(at)uni-due(dot)de), Daniel Witte (Frankfurt am Main/Bonn – witte(at)soz.uni-frankfurt(dot)de) & Andreas Schmitz (Bonn – andreas.schmitz(at)uni-bonn(dot)de).

Zum Call for Papers (PDF)