Soziologie der Transparenz: Utopien, Theorien und unbeabsichtigte Nebenfolgen eines Konzepts

Workshop an der Universität Osnabrück

„Transparenz“ ist ein gleichermaßen positiv belegter, allgegenwärtiger und selten klar definierter Begriff (Hood, 2007). Offenkundig ist die derzeitige Konjunktur des Begriffes in massenmedial-­‐politischen Debatten, in denen vor allem in Bezug auf öffentliche Institutionen, aber auch in Richtung privatwirtschaftlicher Organisationen nahezu widerspruchslos nach „mehr Transparenz“ gerufen wird. Ob es sich nun um Korruption, Lobbyismus, Unterschlagung, Spionage oder Diskriminierung handelt: das Transparentmachen von Entscheidungen gilt als mächtiges Werkzeug zur Sicherstellung von institutioneller Legitimität, Fairness und Effizienz. Der Aufbau „transparenter“ öffentlicher Institutionen, die Sicherstellung „transparenter“ Vergabeverfahren, „transparenter“ Wahlen und Einstellungspraktiken oder die „transparente“ Kennzeichnung von Lebensmitteln wird zunehmend von internationalen Akteuren wie der OECD, der UNO, der Europäischen Kommission und vielen anderen als explizites Ziel von Reformagenden formuliert. Einige Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von Transparenz als einer unhinterfragbaren globalen Norm (Garsten & Lindh de Montoya, 2008).

Auffällig ist an all den Beispielen einerseits ein konzeptionelles Naheverhältnis zwischen Transparenz und Überwachung. Transparenz bezeichnet als Ideal nicht nur einen neugierigen Willen zum Wissen (Foucault, 1987), sondern einen Sammelbegriff für (Selbst-­) Kontrollmechanismen, die Regelkonformität sichern sollen – eine Idee, die sich schon bei Jeremy Benthams Konzept des Panoptikons findet. Andererseits ist das Transparenzideal in hohem Maße ambivalent in Bezug auf seinen Anwendungsbereich. Während es im Bereich übertragener Macht unmittelbar plausibel erscheint, soviel externe Einsichtigkeit wie möglich zu institutionalisieren, sollen Privatpersonen gerade vor dem Zugriff von Überwachungstechnologien geschützt werden. Der Ruf nach Offenlegung privater Konten öffentlicher Rollenträger verdeutlicht aber die Schwierigkeit, diese Trennung im praktischen Vollzug aufrecht zu erhalten.

Seit den letzten 10 Jahren sind Transparenzkonzepte und ‐techniken auch verstärkt zu Objekten soziologischer Auseinandersetzungen geworden (z.B. Jansen et al., 2010). So setzen sich zahlreiche zeitdiagnostisch-­gesellschaftskritische Studien mit dem Thema Transparenz auseinander und problematisieren es vorwiegend unter kulturwissenschaftlichen Aspekten, wie der intendierten Transparentmachung des Privaten (Han, 2012). Zum anderen hat gerade die moderne Verwaltungs-­ und Organisationssoziologie das Thema Transparenz für sich entdeckt. Bereits Ende der 1990er Jahre entwickelte sich insbesondere in Großbritannien ein ganzer Forschungszweig, der sich mit Techniken des Transparentmachens organisationaler Entscheidungen auseinandersetzte (z.B. Power, 1997). Im Anschluss daran entstand eine Fülle an theoretischen und empirischen Arbeiten, die auf die unbeabsichtigten Nebenfolgen transparenter, d.h. extern einsichtiger Organisationsstrukturen und Entscheidungen aufmerksam machen (Anechiarico & Jacobs, 1996; Hood, 2007; Hood & Heald, 2006; O’Neill 2002; Strathern, 2000).

Der Workshop hat vor diesem Hintergrund das Ziel, das Thema Transparenz aus unterschiedlichen disziplinären, bereichsspezifischen, methodologischen und theoretischen Perspektiven zu beleuchten.

Organisation: Dr. Fran Osrecki, Prof. Dr. Wolfgang Ludwig Schneider.

Kontakt: fran.osrecki(at)uni‐osnabrueck(dot)de