Soziologien des Geldes

Jahrestagung der DGS-Sektion Wirtschaftssoziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen

Geld ist in der Wirtschaftssoziologie ein konzeptueller Dreh-und Angelpunkt. Das hat verschiedene Gründe. Erstens kann die Wirtschaftssoziologie auf eine lange und reiche Geschichte soziologischer Befassung mit Geld zurückblicken, über die nicht zuletzt auch das Verhältnis von (Wirtschafts-)Soziologie und Ökonomik verhandelt wurde (Simmel 1900, Simiand 1934, Dodd 1994, Paul 2004). Zweitens stellen Geldformen und Geldgebräuche einen fruchtbaren Einstieg in komparative Studien dar, die Geldpraktiken zwischen Gesellschaften und historischen Perioden miteinander vergleichen und hierüber Anschlüsse an historiografische, anthropologische und wirtschaftsgeografische Diskurse erzeugen (Zelizer 2002, Graeber 2011). Drittens bildet die Frage nach der Rolle von Geld in Wirtschaft und Gesellschaft einen Ausgangspunkt für gegenwartsdiagnostische Studien – man denke hier etwa an die Debatten über Finanzialisierung (Martin2002, Krippner 2005, Langley 2008, Chiapello 2015), Kreditgeld (Carruthers 2005, Postberg 2013, Sahr 2017) und Schulden (Lazzarato 2015). Viertens erschließt die Frage nach dem Geld neue Perspektiven auf kalkulative Praktiken in Märkten und Unternehmen einerseits (Beunza/Hardie/MacKenzie 2006), auf Rechnen und Berechnung im Kontext staatlicher und politischer Steuerungsmechanismen andererseits (Grimpe 2010). Die Perspektive des „making of finance“ (Lenglet et al. 2019) stellt spannende wirtschaftssoziologische Fragen zu Geld. Es gibt daher genug Gründe, Soziologien des Geldes – bewusst im Plural – zum Gegenstand der Jahrestagung 2019 der Sektion Wirtschaftssoziologie zu machen. Unserer Beobachtung nach geht die gegenwärtige Diskussion über die klassische Frage nach ‚dem‘ soziologischen Blick auf Geld hinaus. Es formieren sich, auch in Auseinandersetzung mit Positionen aus benachbarten Diskursen wie Wirtschaftsgeschichte, Politischer Ökonomie oder Wirtschaftsanthropologie, verschiedene soziologische Forschungsprogrammatiken, die Dimensionen des Geldes in ihre Agenden integrieren und diese dadurch verändern.

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