Soziologische Theorien und Gesundheitsforschung

Frühjahrstagung der DGS-Sektion Medizin- und Gesundheitssoziologie am 19. und 20. März 2020 an der Universität Leipzig

Soziologische Forschung zu Medizin, Krankheit und Gesundheit auf der einen und gesundheitswissenschaftliche Forschung auf der anderen Seite teilen nicht nur den Bezug zu vielen klassischen Studien (etwa die Arbeiten von Glaser, Strauss und später auch Corbin zum Krankheitsverlauf oder Goffmans Studien zu Stigma, zudem auch Parsons, Luhmann, Pearce, Weizsäcker), sondern auch das methodische Instrumentarium quantitativer und qualitativer Sozialforschung. Dennoch lässt sich in der Forschungspraxis für den deutschsprachigen Kontext beobachten, dass trotz gemeinsamer Bezüge und partieller Zusammenarbeit die (sozial-)wissenschaftlichen Diskussionen weitgehend unabhängig voneinander laufen. In der Soziologie dient die Gesundheitsversorgung oft als exemplarisches Feld an dem pars pro toto allgemeine sozialwissenschaftliche Fragen untersucht werden. In der anwendungsbezogenen Gesundheitsforschung hingegen liegt der Fokus häufig eher auf der Dokumentation, dem Verstehen und Erklären von Ungleichheiten sowie der Formulierung von praktischen Handlungsempfehlungen. Theoretisch-konzeptionelle Zugänge aus der Bezugsdisziplin Soziologie werden – ggf. aufgrund von angenommener Praxis-und Empirie-Ferne –zögerlich und pragmatisch genutzt. Soziologische Theorien sind in der empirischen Gesundheitsforschung bisher eher wenig systematisch vertreten. Dies wird häufig als Spannung, aber auch Arbeitsteilung, zwischen einer Sociology of Medicine und einer Sociology in Medicine beschrieben, die sich auch in der gegenwärtigen fach- und standespolitischen Differenzierung innerhalb der Soziologie wiederfindet. Dabei kann auch eine Sociology in Medicine inhaltlich vom Blick einer Sociology of Medicine nur gewinnen – ebenso wie die Medizin als handlungstheoretische Humanwissenschaft von der Perspektive der Naturwissenschaften auf sie profitierte.

Für die Gesundheitssoziologie sind neben dem umfangreichen Gebiet der Medizin auch andere theoretische und praktische Traditionen einschlägig, wie die Psychologie sowie die Pflege- und Therapiewissenschaften. Sie alle verstehen sich meist nicht als Teil der Medizin, auch nicht als Teil medizinischer Fakultäten (z.B. Psychologie, z.T. Pflege-und Therapiewissenschaften) und leisten ebenfalls Beiträge, die in die Erarbeitung theoretischer Überlegungen der Gesundheits-soziologieintegrierbar sein können.

Ziel der Tagung ist es, Anschlussstellen zwischen klassischen und zeitgenössischen soziologischen Theorien und Diagnosen und eher anwendungsbezogener Gesundheitsforschung auszuloten. Welchen (eigenständigen) Theoriebeitrag leistet die Medizin- und Gesundheitssoziologie und wo regt sie die allgemeinen Theoriebildung an? Zu welchen Fragestellungen „eignen“ welche Ansätze wie gut?

Organisation: Oliver Decker (Leipzig) und Charlotte Ullrich (Heidelberg) federführend sowie Martin Mlinarić (Halle-Wittenberg), Bernhard Mann (Koblenz), Johann Behrens (Halle-Wittenberg) und Peter Kriwy (Chemnitz)

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