Stress. Phänomenologische Perspektiven auf ein soziales Problem

4. Tagung des „Interdisziplinären Arbeitskreises Phänomenologie und Soziologie“ (IAPS) in der Sektion Soziologische Theorie der DGS am 27. und 28. Juni 2019 an der Universität Passau

Stress ist ein zentrales Schlagwort der modernen Gesellschaft. Als Begriff Mitte des 20. Jahrhunderts in einem medizinisch-naturwissenschaftlichen Kontext entstanden, bezeichnet Stress körperliche Zustände, die über einen erhöhten Adrenalin‐ und Cortisolspiegel messbar sind. Die Psychologie versteht im Anschluss daran unter Stress unterschiedliche psychische und physische Reaktionen, die durch sogenannte Stressoren (wie akute Bedrohungen, negative Ereignisse oder besondere Belastungen) ausgelöst werden. Allein der Zeitpunkt des Auftauchens und insbesondere der Popularisierung des Begriffs „Stress“ weist nun allerdings darauf hin, dass Stress nicht nur ein medizinisch-psychologischer, sondern ebenso sehr ein soziologisch relevanter Begriff ist – beziehungsweise sein kann. Es lassen sich strukturelle Bedingungen spätmoderner Gesellschaften identifizieren, die dazu geführt haben, dass Stress in der medizinischen bzw. psychologischen Beobachtung von Vergesellschaftung zu einem wesentlichen gesellschaftlichen Bestandteil geworden ist. Im Sinne einer soziologischen Zeitdiagnose wiederum könnte man Beschleunigung, Kontingenz, Prekarisierung oder work-life-disbalance als Schlagworte begreifen, die darauf hinweisen, dass Stress zum Selbstverständnis moderner Lebensführung gehört.

Die Tagung strebt an, Stress in einer Doppelperspektive zu begreifen. Zum einen geht es in einer reflexiv wissenssoziologisch-semantischen Perspektive darum, Stress als Semantik der Selbstbeschreibung von Akteuren zu begreifen und zum anderen darum, die erlebte Realität von Stress (leib-)phänomenologisch zu untersuchen. In dieser Doppelperspektive lässt sich eine soziologische Perspektive auf Stress entwickeln, die Stress als soziales Phänomen in den Blick nimmt. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch klären, wie sich Stress von ähnlichen Phänomenen wie Belastung, Anstrengung, Burnout etc. abgrenzen lässt. In diesem Sinne versucht die Tagung eine wissenssoziologisch-semantische und phänomenologische Annäherung an das Phänomen Stress, die es erlaubt, Stress soziologisch in seiner Vielfältigkeit zu erschließen und damit idealerweise zugleich soziologische Theoriebildung und Gesellschaftsanalyse voranzubringen.

Jenseits medizinisch-psychologischer Bestimmungen und über alltagssprachliche Implikationen hinausgehend soll Stress auf der Tagung zunächst einer phänomenologischen Bestimmung zugeführt werden. Wie erscheint Stress etwa aus der Perspektive der Leibphänomenologien von Hermann Schmitz oder Maurice Merleau-Ponty, der Existenzialphilosophie Martin Heideggers, der responsiven Phänomenologie Bernhard Waldenfels, der reflexiven Anthropologie Helmuth Plessners oder Sartres phänomenologischem Existentialismus? Die jeweiligen phänomenologischen Annäherungen sollten dabei immer auch Abgrenzungen sowie auch Verbindungen zu verwandten Phänomenen wie Sorge oder Angst umfassen.

Neben den phänomenologischen Perspektiven auf Stress bzw. daran ansetzend und sie nutzend sollen auf der Veranstaltung die wissenssoziologisch-semantische Analyse von Stress bzw. die soziale Funktion der (Selbst-)Diagnose „Stress“ untersucht werden. Welche Bedeutung kommt ihr unter welchen sozialen Bedingungen zu? Wie verändern sich Erscheinungs- und Verlaufsformen sowie Konsequenzen von Stress? Hierfür bieten sich vor allem jene soziologischen Forschungsfelder an, in denen regelmäßig Untersuchung zur Sozialität von Stress durchgeführt werden, etwa die Arbeits- und Industriesoziologie, die Familiensoziologie, Bildungssoziologie, die Körpersoziologie oder die Soziologie des Sports. Von Interesse sind hier empirische Zugangsweisen zur Entstehung, Eskalation und Auflösung von Stress in unterschiedlichen Kontexten sozialen Handelns. Diskutiert werden sollen dabei etwa Fragen zur Ambiguität und Prozesshaftigkeit bei der Entstehung, dem Erleben und Erleiden wie auch nach etablierten Formen und Praktiken zur Bewältigung von Stress: Welches Erleben wird in welchem sozialen Kontext als Stress klassifiziert? Ab welchem Punkt liegt Stress im Selbst-verständnis der Beteiligten vor? Welche normativen Implikationen liegen einer etwaigen empirischen Bestimmung zugrunde? Ist Stress tatsächlich ein genuin modernes Phänomen? Welche zeitdiagnostischen Implikationen hat Stress? Wie könnte eine poststressige bzw. nicht-stressige Gesellschaft aussehen? Wiederum soll gerade aus der Zusammenschau unterschiedlicher sozialer Kontexte diskutiert werden, inwieweit sich übergreifende Faktoren des Wechselverhältnisses von Stresssemantik und sozialen Bedingungen, Erlebnis- und Handlungsweisen aufzeigen lassen.

Zusätzlich zu den phänomenologischen Phänomen- und Begriffsbestimmungen und den empirisch-soziologischen Kontextualisierungen will die Tagung auch die sozialtheoretische Relevanz eines phänomenologisch fundierten Stressbegriffs diskutieren. Ist das Modell des rational handelnden Akteurs bzw. des strategisch orientierten Akteurs etwa im Sinne Goffmans geeignet, um das semantisch-leibliche soziale Phänomen Stress zu erfassen. In diesem Sinne verstehen wir „Stress“ als Anlass für die Soziologie, ihre handlungstheoretischen bzw. interaktionistischen Grundlagen zu hinterfragen. Verallgemeinert heißt das: Wo liegen die konzeptionellen Ansatzpunkte auf der sozialtheoretischen Ebene, um Stress empirisch fassen zu können?

Auf der Tagung sollen also sowohl empirische Untersuchungen zu Stressphänomenen in all ihrer Heterogenität als auch theoretisch konzeptionelle Beiträge diskutiert werden. Ziel ist es, über die Diskussion von Stress als phänomenologisch bestimmbarem Phänomen und soziologisch beobachtbarem Problem zentrale Herausforderungen moderner Gesellschaften sowie das Verhältnis zwischen sozialen Akteuren und sozialen Strukturen besser zu verstehen und sozialtheoretisch zu reflektieren.

Organisation: Anna Henkel (Anna.henkel@leuphana.de), Robert Gugutzer (gugutzer@sport.uni-frankfurt.de) und Katharina Block (katharina.block@uni-oldenburg.de)

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