"The People vs. The Power Bloc" (?) – Interdisziplinäre Perspektiven auf Pop und Populismen

12. Jahrestagung der AG Populärkultur und Medien in der Gesellschaft für Medienwissenschaft

Popkultur und Politik stehen in einem komplexen Verhältnis zueinander: Popkultur ist ebenso Seismograph politischer Entwicklungen wie zentrale Instanz für die Herausbildung politischer Identität. Sie begleitet, kommentiert, kritisiert, unterstützt oder ignoriert politisches Geschehen. Zugleich bedienen sich politische Akteure über das gesamte Spektrum hinweg vielfältiger Pop-Strategien zur Popularisierung von Inhalten, zur Personalisierung ihrer Botschaften und zur Persuasion der Wählerschaft. In den letzten Jahren ist das massive und weltweite Erstarken politischer Akteure, die dem Bereich des Populismus zuzuordnen sind, zu konstatieren. Dies äußert sich insbesondere in einer Verschärfung des politischen Diskurses, in erheblichen Wählerwanderungen und damit verbundenen Neujustierungen des Parteienspektrums sowie in einem teils erheblichen Vertrauensverlust in die etablierte Politik, in staatliche Institutionen, in das Mediensystem und in Eliten. Nicht nur in Europa ist daher bereits vielfach die Rede von einem ,illiberal turn‘ (Ivan Krastev 2018) als korrespondierende Entwicklung zur sogenannten ‚Postdemokratie‘ (Colin Crouch 2004). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Pop und Populismen mit neuer Dringlichkeit.

Einer der einflussreichsten Zugänge zur Beschreibung des Verhältnisses von Popkultur und Politik ist der der widerstreitenden Kräfte der ,people‘ gegen den ,power bloc‘: „The people versus the power-bloc: this [...] is the central line of contradiction around which the terrain of culture is polarised. Popular culture, especially, is organised around the contradiction: the popular forces versus the power-bloc“ (Stuart Hall 1981). Diese Beziehung wird als eine dynamische gedacht, in der der ‚power bloc’ die hegemoniale Position kennzeichnet, der ‚the people‘ jedoch nicht passiv ausgeliefert sind, sondern der sie sich durch Aneignung und Umdeutung (populär-)kultureller Produkte widersetzen können. Im Kontext von Pop und Popkultur verweist der Begriff ‚people‘ somit zumeist auf eigensinnige, kritische, emanzipatorische, progressive oder gar widerständige Praktiken von Menschen, womit meist eine Anbindung an progressive Milieus markiert wird. Es gehört daher zu den popkulturellen ,Gründungsmythen‘, popsozialisierte Subjekte und Wahlgemeinschaften seien in ihren Grundzügen tendenziell fortschrittlich, liberal, international, emanzipativ, also ,irgendwie links‘. Kritik an Eliten (‚power bloc‘) bezieht sich im Pop zumeist auf konservative und reaktionäre politische oder kulturelle Kräfte sowie Akteure aus Wirtschaft und Finanzwelt. Dass ein solcher progressiv-emphatischer Popbegriff nicht mehr aufrecht zu erhalten ist und Popkultur ihren ideellen Anspruch – und sei es nur die implizite Idee, eben den Mythos davon – verloren hat, weshalb Pop nunmehr auch dezidiert rechte und reaktionäre Positionen nicht ausschließt, wurde schon vielfach konstatiert (u.a. Diedrich Diederichsen 1992 und 1999, Tom Holert und Mark Terkessidis 1996).

Auch der politische Populismus argumentiert zumeist entlang der Dichotomie von ,the people vs. the power-bloc‘, nun im Sinne eines zumeist anhand national-ethnischer Kategorien konstituierten und durch äußere oder innere Faktoren bedrohten ‚Volks‘, das systematisch gegen eine vermeintlich nicht am Volkswillen interessierte Elite aus etablierter Politik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur in Stellung gebracht wird. Dabei machen sich die Akteure populistischer Politik die erfolgreichen medialen und inszenatorischen Aufmerksamkeitsstrategien von Pop und Populärkultur dezidiert zu Nutze und bedienen sich spezifischer Pop-Strategien, um Inhalte zu kommunizieren und ihre politischen Ziele zu erreichen. So werden ursprünglich klar zu verortende Kodes und Symbole übernommen und inhaltlich transformiert (etwa von links nach rechts, von international zu national) oder ursprünglich progressive Positionen für reaktionäre Zwecke angeeignet (etwa Frauenrechte für xenophobe Argumentationen). Im popkulturellen Feld treten zudem verstärkt Akteure, etwa Musikschaffende, in Erscheinung, die sich von einem progressiv-emphatischen Popverständnis implizit oder explizit absetzen und essentialistische Positionen etwa zu Heimat, Herkunft, Migration, Identität und Ethnie einnehmen und so die tatsächliche oder unterstellte bisherige linke kulturelle Hegemonie im Pop herausfordern (so etwa Georg Seeßlen 2017). Mit Blick auf die neuen Akteure und Themen des politischen Populismus erscheint es daher notwendig, das Verhältnis von Pop und Politik in seinen theoretisch-konzeptionellen wie auch praktischen Dimensionen neu auszuleuchten.

Im Rahmen der 12. Jahrestagung der AG Populärkultur und Medien sollen Wechselwirkungen, Widersprüche und Passungen zwischen Pop und Populismen verschiedener Provenienzen – nicht nur rechter, sondern auch linker oder querliegender, aktueller wie auch historischer, aus dem europäischen und anglo-amerikanischen Raum ebenso wie anderen Regionen – diskutiert werden.

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