Überwachen und Strafen heute

Tagung zur Aktualität von Michel Foucault

Vor genau 40 Jahren veröffentlichte Michel Foucault Überwachen und Strafen, ein Buch, das Schockwellen in ganz verschiedene Disziplinen schickte und mit seiner genealogischen Analyse der disziplinären Machttechniken ein theoretisches Werkzeug anbot, das seither für vielfältige Zwecke verwendet wird. Daher soll nicht die Rezeption seines Buches, sondern die Fortführung von dessen Analyse im Zentrum der Tagung stehen: Wie überwachen und strafen wir heute? Gibt es entscheidende Brüche, Mutationen und evolutionäre Weiterentwicklungen der Disziplinarmacht? Wie müssen wir Disziplin heute konzeptualisieren, um beispielsweise den reformierten Sozialstaat oder das Finanzregime der Europäischen Union zu analysieren? Oder müssen wir neue Machttypen ausfindig machen?

Überwachen heute

Dass die flächendeckende Überwachung von Bürger_innen fast aller Nationalstaaten heute gang und gäbe ist, scheint ein Faktum geworden zu sein, mit dem wir uns arrangiert haben. Im Namen von Terroristenbekämpfung, allgemeiner Gefahrenabwehr oder Kriminalprävention an Überwachung gewöhnt, konnte nicht einmal die NSA-Abhöraffäre zu einem echten Skandal werden. Doch wie analysieren wir die Machttechniken der Überwachungsdispositive und ihre Effekte auf die Subjekte? Reicht das Diagramm des Panoptikums immer noch, um die heutigen Überwachungsfantasien zu erfassen? Und wie steht unser ungeheures Verlangen nach Transparenz zu diesen alltäglich gewordenen Überwachungstechniken? Vor welche neuen politischen, pädagogischen und gesellschaftlichen Herausforderungen stellt uns der digitale Wandel, durch den die Frage nach Transparenz und Privatsphäre auf einer radikal neuen Ebene gestellt werden muss?

Strafen heute

Unsere Strafprozeduren haben sich in den letzten 40 Jahren gewandelt. Nicht nur sind Todes- und Schamstrafen (besonders in den USA) wieder populär geworden, auch ist die Bereitschaft angewachsen, mehr und härter zu strafen. Angesichts des immer dominanteren Präventionsparadigmas in der Kriminalpolitik scheint zudem der zentrale Bezug auf die »Seelen« der Täter_innen, den Foucault in Überwachen und Strafen herausarbeitet, in den Hintergrund zu treten: Nicht länger das Individuum mit seiner psychischen und sozialen Biografie, sondern die Figur des statistischen Knotenpunkts, des Individuums als Risikofaktorenbündel, bildet den Fokus einer auf Prävention umgestellten Strafkultur. Welche Machttechniken werden also heute in den Präventions- und Strafpraktiken geboren, erprobt und verfeinert – und wohin schwärmen sie aus? Müssen wir beispielsweise die Sozialpolitik mit Loïc Wacquant mittlerweile als Ergänzung der Kriminalpolitik denken, so dass aus welfare der Zweiklang workfare und prisonfare wird?

Disziplinarmacht heute

Damit stellt sich die zeitdiagnostische Frage nach den gegenwärtig dominanten Machttechniken. Denn obwohl die Gouvernementalitätsforschung in den letzten zwei Jahrzehnten gezeigt hat, dass die von der Disziplin beherrschte »Kerkergesellschaft« nicht Foucaults letztes Wort war, ist die Disziplin nicht verschwunden und ihr Verhältnis zu den regulativen Machtbeziehungen nicht abschließend geklärt. Wie hat sich die Disziplinarmacht entwickelt und welchen Status hat sie heute?

Zwei Entgrenzungen von Foucaults Analyse scheinen hier hilfreich: Einerseits rückt der Wandel des Sozialstaats, der lange Zeit als klassisches Beispiel der Disziplinarmacht galt, die Frage in den Vordergrund, welche Machtverhältnisse sozialstaatliche Institutionen heute prägend und welche Rolle der Disziplin dabei (noch) zukommt. Zwar wurde häufig die Zunahme Anreize-setzender, regulierender Machtbeziehungen beschrieben, die eher dem Sicherheitsdispositiv zuzurechnen sind, aber ohne sanktionsbewährtes Fordern scheint dieses Fördern dennoch nicht auszukommen.

Andererseits hilft es, Foucaults Blick vom französischen Staat auf die Europäische Union zu erweitern. Insbesondere in der Finanzkrise hat sich gezeigt, dass Sanktionen und politische Disziplinarmechanismen auf dem internationalen Parkett zum unverzichtbaren Repertoire gehören. Kann man hierbei von einer neuen Disziplinarmacht sprechen? Und ist sie vielleicht sogar wesentlich und entscheidend für die Funktionsweise und Verfassung der postnationalen europäischen Demokratie? Oder ist die Europäische Union der Inkubator einer ganz anderen Machttechnik jenseits von Disziplin und Sicherheit? Wie also steht es um die Entwicklung der Disziplinarmacht mit Blick auf den Sozialstaat und auf transnationale Räume?

Fragen

Die drei Fragekomplexe deuten an, dass ein produktives Anknüpfen an Foucaults Überwachen und Strafen nicht allein in der Fortschreibung seiner Machtanalyse bestehen kann, sondern auch seine für die Analyse genutzten Begriffen kritisch prüfen und an der veränderten Gegenwart erproben muss. Wir suchen daher nach Beiträgen (ungeachtet ihrer disziplinären Herkunft), die sich mit der Möglichkeit einer Aktualisierung sowohl der materialen Diagnose als auch der methodischen Begrifflichkeiten versuchen, um so auch Foucaults Verdienst einer interdisziplinären Transferleistung Rechnung zu tragen.

Zum Programm

Die Tagung ist öffentlich, wir bitten jedoch um Anmeldung unter ueberwachenundstrafenheute(at)openmailbox(dot)org, da der Platz im Tagungsraum begrenzt ist.

Organisation:

Frieder Vogelmann, Jörg Bernardy und Martin Nonhoff