Umwelt und Gesellschaft – ein Distanzverhältnis?

14. Tagung der Nachwuchsgruppe Umweltsoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg

Das Entstehen der Umweltsoziologie kann als Reaktion der Soziologie auf die seit den 1970er Jahren als zunehmend dringlich empfundenen ökologischen Probleme und der beschleunigten technologischen Entwicklung gesehen werden. Zu den Problemdiagnosen zählen die Endlichkeit von Ressourcen, die Klimaerwärmung und ihre globalen Auswirkungen sowie die Nebenfolgen des technischen Fortschritts. Obgleich diese Problemlagen sowohl schon lange bekannt als auch ausführlich untersucht sind, stecken Entwicklung und Umsetzung entsprechender technischer, politischer und sozialer Anpassungsstrategien noch immer in den Anfängen.

Die diesjährige 14. Tagung der Nachwuchsgruppe Umweltsoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg vom 05.-06. Oktober 2017 betrachtet diese und andere ökologische und umweltpolitische Bruchzonen unter dem Gesichtspunkt der Distanz. Bezeichnet der mathematische Begriff der Distanz einen bestimmbaren Abstand zwischen zwei Punkten in einem Referenzsystem, so ist die Idee, dass auch eine soziologische Kategorie der Distanz den Blick, anstatt auf partikulare Sachverhalte, auf den Eigenwert dieses Abstands richten kann – und gleichsam reflexiv sensibel für das eigene Beobachtungsinstrumentarium bleibt. Dabei rücken, neben räumlicher und zeitlicher Distanz, auch eine soziale sowie eine sinnhaft-sachliche Dimension von Distanz in den Fokus.

Die Eigenheiten komplexer, global organisierter Wertschöpfungsketten, insbesondere die räumliche Trennung von Ressourcengewinnung, Produktionsstätten und dem Konsum von Gütern, wirken auf die Chancen und Grenzen einer nachhaltigen und umweltschonenden Gestaltung von Produktionsprozessen. So sehen etwa ökologische Produktionsgemeinschaften mit regionalem Fokus in solidarischem und gemeinsinnorientiertem Wirtschaften den Schlüssel zu einer nachhaltigen Lebensweise. Auch scheinen wir uns den Dingen, die wir besitzen, verbundener zu fühlen, wenn wir im Repair-Café gelernt haben, ihre Lebensdauer zu erhöhen. Auch Klimaveränderungen, ökologische Problemlagen und ihre Folgen scheinen handlungsrelevanter zu werden, wenn sie vor Ort spürbar werden oder wenn sie sich gar unmittelbar leiblich aufdrängen. Eine auf diese Phänomene bauende Postwachstumsökonomie schickt sich an, die Distanz zu nachfolgenden Generationen zu überbrücken und so den drohenden Kollaps abzuwenden. Solche und andere Formen der kulturpraktischen oder theoretischen Bewältigung ökologischer Problemlagen – etwa durch Nachhaltigkeits-, Umwelt- und Naturschutzprogramme oder Konzepte einer Postwachstumsökonomie – können als Fragen der Distanz bzw. als Phänomene von Distanznahme und -verringerung beleuchtet werden. Ist Distanz Ausdruck einer Beziehungsrelation zwischen unterschiedlichen Positionen, Elementen oder Entitäten, wird diese sowohl im Hinblick auf Mensch-Natur-Verhältnisse und personale Identität, Ökologie und Möglichkeiten der Kritik als auch auf Ontologie, Raum und Materialität anschlussfähig – worin zugleich die Frage nach ihrer prinzipiellen Überbrückbarkeit angelegt ist. Neben dem Ansinnen eines theoretisch fruchtbaren Begriffs der Distanz lassen sich hieran praktische Fragen ökologischer Problembearbeitung explizieren, die sich im Spannungsfeld zwischen umweltpolitischen Maßnahmen und individueller Lebensführung bewegen. So ist es zum Beispiel ein prominentes, umweltpolitisches Bestreben, die Distanz zwischen Umweltbewusstsein und Umwelthandeln zu verringern, indem das alltägliche Verhalten durch „nudging“ in effizientere, umweltfreundlichere oder gesundheitsfördernde Bahnen gelenkt wird.

Hinzu kommt, dass gerade die Soziologie und auch (vielleicht insbesondere) die Umweltsoziologie sich immer wieder damit auseinandersetzt, inwiefern sie selbst an dem Geschehen mitwirkt, das sie als Beobachtungsgegenstand wählt. Wird die eigene Praxis als transformative Wissenschaft verstanden, die zu nachhaltiger Entwicklung aktiv beitragen will oder soll möglichst distanziert, wertfrei und nüchtern beobachtet werden? Wenn Anspruch und Selbstbeschreibung der soziologischen Praxis ein Verstehen und Erklären ist, welche Distanz muss die Wissenschaft zu ihrem Gegenstand halten? Hat auch dieser Abstand einen bestimmbaren Eigenwert

Organisation:
Gianna Behrendt, Nikolai Drews, Ute Samland
Institut für Soziologie und Kulturorganisation (ISKO)
Scharnhorststr.1, 21335 Lüneburg