Von der „Guten Arbeit“ zur „Guten Erwerbsbiografie“? Voraussetzungen, Widersprüche, Gestaltungsperspektiven

Kooperationsveranstaltung mit der Deutschen Vereinigung für sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung (SAMF e.V.)

„Gute Arbeit“ hat sich als arbeitspolitisches Leitbild, politischer Slogan und konzeptioneller Bezugspunkt für arbeitswissenschaftliche Forschung nachhaltig etabliert. Gute Arbeit, so lässt sich der Konsens zusammenfassen, ist angemessen bezahlte, sozial abgesicherte, tariflich gerahmte und betrieblich mitbestimmte, individuell gestaltbare und als sinnvoll empfundene Erwerbsarbeit, die Planungssicherheit und Entwicklungschancen bietet.

Der Begriff der „Guten Erwerbsbiografie“ ist demgegenüber bislang weniger prominent und konzeptionell ausbuchstabiert. Das „Recht auf eine selbstbestimmte Erwerbsbiografie“ (Kocher et al.) und das damit verbundene Ziel, möglichst allen Erwerbstätigen die Chance auf eine selbstbestimmte, gute und individuell als gelungen empfundene Erwerbsbiografie zu eröffnen, steht jedoch zunehmend auf der Tagesordnung. Dies belegen die Diskussionen der letzten Jahre um ein „Wahlarbeitszeitgesetz“, die Einführung von „Familienarbeitszeiten“ oder die Weiterentwicklung der Arbeitslosenversicherung zu einer „Arbeitsversicherung“. Auch in der tarifpolitischen Debatte haben Forderungen nach individueller Zeitsouveränität, lebensphasengerechten Arbeitszeiten und einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben in letzter Zeit erheblich an Gewicht gewonnen. Die sozialwissenschaftliche Diskussion ist gefordert, das Konzept der „Guten Erwerbsbiografie“ kritisch zu untersuchen und die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Verwirklichung zu präzisieren.

Das Weißbuch „Arbeiten 4.0“ der Bundesregierung, der Endbericht der Kommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung, das Gutachten der Sachverständigenkommission für den zweiten Gleichstellungsbericht und viele andere aktuelle Publikationen kommen zu ähnlichen Schlussfolgerungen und Empfehlungen: Um „gute“ Erwerbsbiografien für möglichst viele Menschen möglich zu machen, ist eine bessere Koordination und Verzahnung von Bildungs-, Arbeitsmarkt-, Beschäftigungs-, Familien-, Gesundheits- und Migrationspolitik notwendig. Ein solcher integrierter Ansatz stellt nicht nur die Arbeitsmarktpolitik, sondern auch die Sozial- und Arbeitsmarktforschung vor viele neue Fragestellungen und Herausforderungen.

Die vom Themenbereich „Vorbeugende Sozialpolitik“ des Forschungsinstituts für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW) gemeinsam mit der Deutschen Vereinigung für sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung (SAMF) organisierte Veranstaltung rückt vor diesem Hintergrund „Gute Erwerbsbiografien“ und ihre individuellen und institutionellen Voraussetzungen in den analytischen Fokus. Es sollen aktuelle Forschungsperspektiven und -ergebnisse aus der Sozial- und Arbeitsmarktforschung vorgestellt diskutiert werden, die sich theoretisch und/oder empirisch mit der Analyse des Wandels von Lebens- und Erwerbsverläufen, ihrer biografischen und institutionellen Einbettung sowie ihrer arbeits- und sozialrechtlichen, tariflichen und betrieblichen Rahmung befassen.

Willkommen sind vor allem Beiträge, die sich mit folgenden Fragen und Themen auseinandersetzen:

  • Erwerbsbiografien und Arbeitsqualität empirisch erfassen - Anforderungen an Daten und Konzepte: Die Lebenslauf- und Biografieforschung ist ein bevorzugtes Feld für die Verbindung von quantitativ-standardisierten und qualitativ-interpretativen Verfahren. Welche innovativen Methoden bzw. Methodenmixe sind hier vielversprechend? Welche Herausforderungen sind an Theorie, Daten und Forschungsinfrastruktur gestellt? Welche Daten sollten ggf. in Ergänzung zu den bereits vorliegenden erhoben und der Forschung zugänglich gemacht werden?
  • Analyse konkreter Lebensphasen, Übergänge und Schnittstellen: Anhand von quantitativen und qualitativen Analysen konkreter Lebensphasen, von Übergängen innerhalb der Biografie und von Schnittstellen zwischen Feldern und Rechtskreisen der Sozialpolitik sollen sozialstrukturelle und / oder zeitliche Veränderungen in der Praxis guter Arbeit und guter Erwerbsbiografien vorgestellt werden.
  • „Gute Arbeit“ und „gute Erwerbsbiografie“: Wechselwirkungen, Widersprüche und „trade-offs“: Angesichts der vielfältigen und komplexen Wechselwirkungen und Interdependenzen, die zwischen dem Arbeitsmarkt und der Arbeitsmarktpolitik und der Familien-, Gesundheits-, Bildungs-, Migrations- und Sozialpolitik bestehen, können mit der Forderung nach einer “guten Erwerbsbiografie“ auch potenzielle Spannungsfelder und Widersprüche verbunden sein, die es herauszuarbeiten und zu analysieren gilt.
  • Die subjektive Dimension „guter Erwerbsbiografien“: Aufgrund der Pluralisierung individueller Lebensentwürfe und Präferenzen erscheint die implizite oder explizite Orientierung an einer als wünschenswert erachteten „Normalbiografie“ zunehmend fraglich. Es ist empirisch offen, welche Biografieverläufe von den Individuen subjektiv tatsächlich als „gut“ oder „gelungen“ betrachtet werden. Inwiefern ändern sich biografische Präferenzen (Arbeitszeitwünsche, Familien- und Rollenmodelle etc.) nicht nur im Kohortenvergleich, sondern auch im individuellen Lebensverlauf? Wie werden Statusinkonsistenzen im Lebenslauf wahrgenommen und verarbeitet, wie werden riskante Übergänge bewältigt?
  • Politik für „gute Arbeit“ und „gute Erwerbsbiografien“: Wie sind aktuelle Instrumente und Initiativen zu bewerten, wo gibt es vordringliche Gestaltungsbedarfe? Wo zeichnen sich Widersprüche und Schnittstellenprobleme zwischen unterschiedlichen Politikfeldern ab? Wie wirkt sich Politikgestaltung im Mehrebenensystem aus? Welche Rollen kommen dem Gesetzgeber, den Tarifpartnern und den Betrieben zu?

Formalia

Erwünscht sind sowohl empirisch als auch konzeptionell angelegte Arbeiten. Gerne können auch neue und erst vorläufig gesicherte methodische und theoretische Ansätze vorgestellt werden. Es ist Raum für die kollegiale Diskussion vorgesehen. Die Kosten für die Fahrt und den Aufenthalt der Vortragenden werden übernommen.

Abstracts (max. 4.000 Zeichen) senden Sie bitte bis zum 31.03.2018 per eMail an: Prof. Dr. Ute Klammer, c/o Frau Monika Spies, monika.spies(at)uni-due(dot)de (IAQ/Universität Duisburg-Essen).

Organisation und Begutachtung: Prof. Dr. Martin Brussig und Prof. Dr. Matthias Knuth (beide Vorstand SAMF e.V.), Prof. Dr. Ute Klammer und Dr. Antonio Brettschneider (beide FGW).

Zum Call for Papers (PDF)