Von der Künstlerkritik zur Kritik an der Kreativität: Subjektivierungen in Forschung und Praxis

Interdisziplinäre Konferenz vom 12.–14.10.2017 am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Duisburg-Essen

Ende der 1990er-Jahre beschrieben Luc Boltanski und Ève Chiapello anhand der Künstlerkritik der 1960er-Jahre, wie ursprünglich als Infragestellung des Kapitalismus artikulierte Argumente in dominante Strategien im „Neuen Geist des Kapitalismus“ verkehrt wurden (2003 [frz. Orig.: 1999]). Auch ‚Kreativität‘ als einer der zentralen Begriffe der Künstlerkritik hat diese Entwicklung durchlaufen. Seine Karriere wurde in den beiden vergangenen Jahrzehnten aus verschiedenen Blickwinkeln intensiv erforscht und mittlerweile steht er selbst in der Kritik.

Bereits seit den späten 1990er-Jahren fasst Angela McRobbie etwa im Hinblick auf Gender oder Populärkultur Kreativität als Regulierungsform im Neoliberalismus auf und thematisiert dies in ihrer aktuellen Arbeit (2015) als ‚Kreativitätsdispositiv‘. Dieser Begriff ist in der deutschsprachigen Debatte vor allem von Andreas Reckwitz geprägt worden, der in einer kultursoziologischen Studie (2012) den subjektiven Wunsch und gesellschaftlichen Imperativ kreativ zu sein als kennzeichnend für die Gegenwart herausstellt. Stärker fokussiert auf Subjektivierung beschreibt Ulrich Bröcklings Konzept des „Unternehmerischen Selbst“ (2007) eine diskursive Formation, die Subjekte dazu anhält, sich u.a. in den Bereichen Kreativität, Flexibilität und Projektisierung ständig selbst zu optimieren.

Seit einiger Zeit interessiert sich auch die empirische Sozialforschung, wie etwa Alexandra Manske (u.a. 2016) aus Perspektive der Ungleichheitssoziologie, vermehrt für die Arbeitsweisen in der Kreativwirtschaft. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Arbeitsweisen und -bedingungen von ‚Kreativen‘ im Neoliberalismus findet sowohl auf theoretischer als auch praktischer Ebene statt: So analysiert Bojana Kunst (2015) am Beispiel von Künstler*innen die spezielle Zeitlichkeit sowie Subjektivitäten, die mit projekthaftem Arbeiten einhergehen; in vielseitigen Projekten wie „kleines postfordistisches Drama“ (kpD) erforscht Marion von Osten an der Schnittstelle von künstlerischer und wissenschaftlicher Praxis die Bedingungen der Produktion von Kultur, ihre Politik und Techniken des Selbst.

Während also manche der Studien die tiefgreifenden Veränderungen in der Arbeitswelt aus einer genealogischen oder narratologischen Perspektive beschreiben, fokussieren andere Projekte die Arbeits- und Lebensrealitäten im Rahmen praxeologischer empirischer Studien. Diese und andere Ansätze der Kreativitätsforschung mit ihren jeweiligen Schwerpunkten möchte die Konferenz in Austausch bringen, um neue Perspektiven auf das Forschungsfeld zu eröffnen und darüber hinaus den Dialog mit in der Kreativwirtschaft Tätigen selbst zu suchen. Dabei sollen Subjektivierungen im Bereich kreativer Arbeit den Ausgangspunkt bilden, um Kreativität als Paradigma vieler Arbeits- und Lebensformen im ‚neuen Kapitalismus‘ zu diskutieren. So werden die Bedingungen gegenwärtigen kreativen Arbeitens vielfach als Modell für die Erosion von Normalarbeitsverhältnissen betrachtet bzw. kreative Subjekte als ‚Vorreiter‘ für die gesamte neoliberale Gesellschaft angesehen. Ob dies zutrifft und inwiefern das Konzept der Kreativität dadurch sein kritisches Potenzial verliert oder dieses neu interpretiert wird, sind zentrale Fragen der Konferenz.

Willkommen sind Perspektiven verschiedener Disziplinen und unterschiedliche methodische Ausrichtungen ebenso wie Ansätze praxisorientierter Kritik (z.B. von Verbänden, Initiativen oder in Form aktivistischer sowie künstlerischer Positionen). Wir laden zu einem Austausch entlang folgender Themenfelder ein:

  • Neuer Kapitalismus
  • Reaktionen auf und Alternativen zum Kreativitätsimperativ
  • Erzählungen / mediale Darstellungen
  • Kreative Selbstautorschaft und ihre Folgen
  • Kreativität als Privileg? Intersektionalistische Perspektiven

Für die Vorträge stehen jeweils 20–30 Minuten zur Verfügung. Interessent*innen sind eingeladen, Abstracts (max. 400 Wörter) sowie eine Kurzbiografie (max. 150 Wörter) bis zum 31. Mai 2017 an das Organisationsteam kritik-und-kreativitaet(at)uni-due(dot)de zu senden. Die Konferenzsprache ist Deutsch; Vorträge können jedoch auch auf Englisch gehalten werden. Zudem ist geplant, einen Sammelband zur Konferenz zu publizieren. Weitere Informationen finden Sie unter: uni-due.de/promotionskolleg_arbeit/konferenz_kreativitaet.

Die Teilnahme an der Konferenz ist kostenlos. Falls Sie als Teilnehmer*in keine institutionellen Mittel geltend machen können, wenden Sie sich bitte an uns. Nach Möglichkeit werden wir Reise- und/oder Übernachtungskosten bezuschussen, können dies aber nicht garantieren.

Zum Call for Papers (PDF).

For the English Version of the Call for Papers click here (PDF).