Vorstellungen von Gemeinschaft und Nation im Kontext gegenwärtiger rechtspopulistischer Mobilisierungen

Transdisziplinäre Fachtagung

Gemeinschaft ist ein komplexer Begriff, dessen Bedeutung mit den Kontexten variiert, in denen er auftaucht. Menschen sind als soziale Wesen immer Mitglieder verschiedener sozialer Gruppen und über Gemeinschaft wird Zugehörigkeit vermittelt. In diesem Sinne kann Gemeinschaft als Grundlage für soziale Identität und Solidarität verstanden werden.

Andererseits zeigen nicht zuletzt die Entwicklungen der letzten Jahre, dass die Berufung auf Gemeinschaft aufgrund ihrer traditionalen und affektiven Grundlagen (vgl. Weber 1972, S. 21) auch repressive und exkludierende Folgen haben kann. Offen beschworen werden Gemeinschaftskonzeptionen zum Beispiel von rechtspopulistischen Bewegungen, etwa, wenn sie von einem homogenen „Volk“ sprechen oder es um die Bedrohung der nationalen Identität durch Einwanderung geht. Aber auch im restlichen politischen Spektrum zirkulieren vermehrt Gemeinschaftsideen, die nicht selten als eine Nationalgemeinschaft verstanden werden – etwa in der Debatte um eine deutsche Leitkultur oder eine national verstandene linke Sammlungsbewegung. Eine auf Gemeinschaft gründende Solidarität wäre in diesen Fällen eine exkludierende Solidarität (vgl. Dörre et al. 2011).

Auch mit dem Konstrukt der Nation (vgl. Anderson 1983) und daran geknüpfter nationaler Identität gehen polyvalente Zuschreibungen einher. Zum einen kann die Zugehörigkeit zu Nationen mit dem Erleben von Gemeinschaft und Orientierung verbunden werden. Aus einer Lebenslaufperspektive bieten national gerahmte Institutionen und Narrationen Ankerpunkte für Erfahrungs- und Artikulationsräume im Alltag. Zum anderen bildet sich in der Imagination von nationalen Leitkulturen nicht die Diversität von Bevölkerungen ab. Die Betonung nationaler Zugehörigkeit kann ebenso mit Ausgrenzungsprozessen, symbolischer und physischer Gewalt verbunden sein.

Liberale und kosmopolitische Ansätze (vgl. Merkel 2017, Held 2010, vgl. auch kritisch Calhoun 2002, 2008) versuchen zwar, auf einen starken Gemeinschafts- bzw. Nationenbegriff zu verzichten. Allerdings scheinen liberale Vorstellungen, wie z.B. die eines Verfassungspatriotismus (Habermas 1988), nicht in der Lage zu sein, ähnlich intensive kollektive Emotionen und Zugehörigkeitsgefühle hervorzurufen wie nationale Gemeinschaftskonzeptionen. Im Unterschied dazu finden sich vereinzelte programmatische Versuche, einen inklusiven Gemeinschaftsbegriff ohne Rückgriff auf Nation zu entwickeln (z.B. Adloff/ Leggewie 2014, Illich 1973, Gilroy 2004). Überhaupt stellt sich in postmigrantischen Gesellschaften die Frage, ob nationale Gemeinschaftsvorstellungen in Identitätsentwürfen noch eine Rolle spielen müssen oder ob an ihre Stelle kontextuelle oder fluide Gemeinschaftskonstruktionen treten (vgl. Bauman 2011).

Die Tagung möchte das oben entworfene Spannungsfeld zum Anlass nehmen, um sich mit den Fragen zu beschäftigen, wie Gemeinschaft und Nation im Kontext gegenwärtiger rechtspopulistischer Mobilisierung subjektiv verstanden werden, welche Bedeutung Gemeinschaftsvorstellungen im Rahmen sozialer Alltagspraxis zukommt (etwa als „everyday nationhood“, vgl. Skey & Antonsich 2017) und welche Rolle Gemeinschaft für die Konstruktion sozialer Identität im Kontext aktueller politischer Entwicklungen spielt. Die Komplexität der Gemeinschafts- und Nationenbegriffe soll auf der Tagung durch eine interdisziplinäre Auseinandersetzung von soziologischen, politikwissenschaftlichen und sozialpsychologischen Ansätzen eingefangen werden.