Welche politische Bildung für welche Demokratie?

Tagung des Deutschen Historischen Instituts Paris

Transnationale Perspektiven vom 19. bis 21. Jahrhundert

Internationale Tagung, Deutsches Historisches Institut Paris, 1.–3. April 2020

Kooperationspartner: American University of Paris, Musée National de l’Éducation, Sciences Po Bordeaux

Veranstaltungssprachen: Deutsch, Englisch und Französisch

Welchen Bürger, welche Bürgerin für welche Demokratie? Mit der schrittweisen Ausweitung des Wahlrechts und von dem Moment an, als sich die Politik ohne die Wählerschaft nicht mehr denken ließ, haben Stimmen aus Philosophie, Politik und Pädagogik, Aktivisten und Aktivistinnen sowie Bürgerinnen und Bürger unterschiedliche Herangehensweisen an die Frage der politischen Bildung vorgeschlagen. Ihre Überlegungen reichten von der Entwicklung einer „demokratischen politischen Kultur“, über „republikanische Werte“ („valeurs républicaines“) bis hin zur Idee der Emanzipation „von unten“ und spiegelten sich sowohl in der Schule als auch in Praktiken aus der Zivilgesellschaft. In den Geistes- und Sozialwissenschaften werden diese theoretischen und praktischen Beiträge zur Frage des Bürger-Seins meist als eigenständige Fallstudien konzipiert, die oft in nationalen und geschlossenen Kontexten gedacht werden. Dabei sind sie mit immer wiederkehrenden Fragenverbunden: Wie lassen sich der Einzelne, die Einzelne und das Kollektiv zueinander in Verbindungsetzen? Wie kann die politische Bildung gefördert werden, ohne ihre Inhalte vorzuschreiben? Geht es darum, die Unterstützung der Bürger und Bürgerinnen für das demokratische Projekt mit all seinen Unvollkommenheiten zu gewinnen oder die Kritik desselben und damit die politische Emanzipation zu fördern?

Um die verschiedenen Antworten auf diese demokratische Herausforderung zu historisieren, wird die Tagung Fachleute aus verschiedenen Ländern und Disziplinen wie Geschichte, Philosophie, Erziehungswissenschaften, Politikwissenschaften und Soziologie zusammenbringen. Um die Entwicklung der Vorstellungen von der Demokratie und vom Bürger-Sein in Diskursen und sozialen Praktiken zu analysieren, wird die Veranstaltung politische Ideen aus einer sozialgeschichtlichen Perspektive betrachten (Skornicki und Gaboriaux 2017). Die Beiträge können unterschiedliche Quellen wie Stellungnahmen von Intellektuellen und Lehrenden, Programme, Lehrbücher und pädagogische Praktiken in Schulen oder Vereinen, Schriften und Forderungen von Schülerinnen und Schülern, Medien, Kunstproduktionen usw. berücksichtigen. Anstatt sich ausschließlich aufintellektuelle Erzeugnisse zu konzentrieren, geht es also darum, die Diskurse und Praktiken der verschiedenen Akteure und Akteurinnen zu verbinden, um Bürger-Sein nicht nur als Konzept, sondern auch als Modus demokratischen Handelns zu betrachten (Isin und Nielsen 2008). Die Tagung schlägt den Ansatz der histoire croisée vor, um die Frage nach Unterschieden und Ähnlichkeiten, aber auch nach Zirkulationen und Transfers zwischen demokratischen Kontexten zu erkunden, die durch Migrationen und Begegnungsmomente begünstigt wurden (Werner und Zimmermann 2002). Mitdiesen Ansätzen möchte die Tagung über die nationale, normative und teleologische Perspektive hinausgehen, die in der Forschung zur politischen Bildung häufig vorherrscht.

Die Beiträge sollten eine oder mehrere der folgenden Fragen berücksichtigen:

Konzepte der politischen Bildung:

Die Beiträge können Ansätze zur politischen Bildung historisieren, ausgehend etwa von ihren verschiedenen Bezeichnungen und Konzepten im diachronen und synchronen Vergleich („staatsbürgerliche Bildung“, „instruction civique“, „citizenship education“,etc.) Im Mittelpunkt der Tagung stehen die Entwicklung, Rezeption und Anpassung der verschiedenen Konzepte, Narrative und Mythen, Symbole oder kulturellen Referenzen der politischen Bildung in ihren nationalen Kontexten.

Krisen, Brüche und Kontinuitäten:

Die Beiträge können auch die Veränderungen, Brüche und Kontinuitäten von Diskursen und Praktiken in der politischen Bildung in Zeiten gesellschaftlicher Krisen, Konflikte, politischer Umwälzungen (etwa die Revolutionen des langen 19. Jahrhunderts), der Erweiterung der Wählerschaft oder der Veränderung der Bildungssysteme in den Blick nehmen. Welchen Platz fand die politische Erziehung im Vorfeld und während solcher Phasen des Wandels? Wie entwickelte sie sich nach Umbrüchen? Wie verhielten sich die konkurrierenden Erzählungen der Vergangenheit und die Erinnerungspolitik mit dem Projekt, durch politische Bildung einen „neuen“ Bürger, eine „neue“ Bürgerin zu schaffen?

Zusammenspiel von Inklusion und Exklusion:

Die Tagung interessiert sich für die gesellschaftlichen Unterscheidungslinien, die von den Akteuren und Akteurinnen der politischen Bildung gezogen wurden, und die damit einhergehenden Kategorien wie soziale Klasse, Alter, Geschlecht, Nationalität, „Rasse“, Herkunft, Religion, politische Überzeugungen usw. Die Beiträge können so untersuchen, ob und wie mehrere Konzepte vom Bürger-Sein nebeneinander bestehen konnten, um zu verstehen, für wen und mit welchen unterschiedlichen Zielen politische Bildung gedacht wurde und wird, usw.

Unterschiedliche Perspektiven von Akteuren:

Um eine allein auf Nationalstaaten oder gar Schulenzentrierte Betrachtung zu überwinden, können die Beiträge die Perspektiven unterschiedlicher kollektiver Akteure wie staatlicher Bildungsbehörden, Lehrpersonen und ihrer Gewerkschaften, internationaler Organisationen, Bürgerinnen und Bürger, zivilgesellschaftlicher Akteure auf allen Ebenen (politische Parteien, Verbände, philanthropische Gesellschaften, Medien, religiöse Institutionen usw.) miteinander in Beziehung setzen. Unterstützten, verstärkten oder bestritten nichtstaatliche Akteure entsprechend ihrer eigenen Interessen und politischen Positionen die zentrale Rolle, die staatliche Akteure in der Bürgerbildung seit dem 19. Jahrhundert eingenommen hatten? Wie verhandelten diese Akteure die Spannung zwischen der inhärent politischen Dimension der politischen Bildung und der häufigen Forderung nach Neutralität? Die Beiträge können das Verhältnis zwischen den Praktiken dieser verschiedenen Akteure und Akteurinnen, ihren Ansätzen zur politischen Bildung und zwischen politischen Kulturen hinterfragen: Welche Rolle spielten beispielsweise die Orte und die Mittel, an denen und durch die Bildung stattfand, wie zum Beispiel im Klassenzimmer, im Ferienlager oder im öffentlichen Raum?

Von lokal zu global:

Durch ihren transnationalen Ansatz wird die Konferenz die verschiedenen Ebenen und Räume der Reflexionen und Praktiken unterschiedlicher Akteure und Akteurinnen untersuchen: Für welche Räume, für welche imaginären Gemeinschaften konzipierten sie und setzten sie politische Bildung um? Welcher Platz blieb seit dem 19. Jahrhundert für nichtnationale(insbesondere lokale) Formen von Bürgerschaft? Wie entwickelte sich die pädagogische Reflexion mit Bezug auf supranationale („europäische“, „globale“ usw.) Formen des Bürger-Seins seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als neue Akteure von internationalen Organisationen bis hin zu NGOs zunehmend daran teilhatten? Wie sind diese unterschiedlichen Stufen der Bürgerschaft miteinanderverflochten?

Organisationskomitee

Zoé Kergomard, Olivier Lamon (Deutsches Historisches Institut Paris)

Wissenschaftlicher Beirat

Delphine Campagnolle (Musée National de l'Éducation), Olivier Christin (Université deNeuchâtel/CEDRE), Julian Culp (American University of Paris), Nathalie Dahn-Singh (Université deLausanne), Yves Déloye (Sciences Po Bordeaux), Charles Heimberg (Université de Genève), PatriciaLegris (Université Rennes 2), Sonja Levsen (Universität Freiburg), Jean-Paul Martin (Université Lille 4III), Aurélie de Mestral (Université de Genève), Ewa Tartakowsky (Institut des Sciences sociales duPolitique), Laurent Trémel (Musée National de l'Éducation), Philipp Wagner (Universität Halle)

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