Wie den Wandel von Arbeit untersuchen? Historisierende Perspektiven und methodologische Herausforderungen

Herbst-Tagung

Wenn aktuelle Entwicklungen in der Arbeitswelt untersucht werden, dann interessiert in aller Regel nicht nur eine auf die Gegenwart bezogene Momentaufnahme, sondern auch, was sich im Vergleich zur Vergangenheit verändert hat, was neu ist, ob sich Entwicklungslinien nachzeichnen oder Umbrüche diagnostizieren lassen, wie sie sich erklären lassen und wie sie mit gesellschaftsweiten Entwicklungen im Zusammenhang stehen. Allerdings werden solche Aussagen zur Entwicklung oder zum Wandel von Arbeit oftmals lediglich anhand aktueller empirischer Erhebungen getroffen, während die Vergangenheit als idealisierte Kontrastfolie mit unterschiedlichen Benennungen („Fordismus“, „Erste Moderne“, „Wachstumsgesellschaft“) genutzt wird, um der jeweils angestellten Gegenwartsdiagnose Profil zu verleihen.

Ein systematischer Rückgriff auf die Vergangenheit könnte hingegen dazu beitragen, Entwicklung von Arbeit empirisch besser zu fundieren und letztlich auch die Gegenwart besser zu verstehen: Welche Lehren lassen sich etwa aus den arbeitssoziologischen Debatten über den letzten Rationalisierungsschub (Computerisierung, CIM etc.) für die laufende Auseinandersetzung mit „Industrie 4.0“ ziehen? Was wissen wir über Arbeitshaltungen in den 1970er- und 1980er-Jahren und was sagt dies über aktuelle Veränderungen im Zeichen von Subjektivierung, Arbeitskraft-Unternehmertum oder brüchigen Legitimationen aus? Wie hat sich die Fragmentierung von Belegschaften in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt und was ist neu an der heutigen Prekarisierung von Arbeit, inwiefern hat sich das zu untersuchende Phänomen verändert, inwiefern (nur) die arbeitssoziologische Aufmerksamkeit? Welche Einflussfaktoren auf prekäre Arbeit lassen sich in einer längeren Perspektive ausmachen — und welche Leerstellen offenbart dies in Bezug auf unsere aktuellen Debatten?

Ziel der Sektionstagung ist es auszuloten, in welcher Weise aktuelle arbeitssoziologische Forschung von historisierenden Perspektiven profitieren kann — etwa weil wir damit den Neuigkeitswert mancher Phänomene hinterfragen können; weil wir auf reiche Wissensbestände zu vergangenen Problemen, Konflikten und Debatten zurückgreifen können, die uns für die Gegenwart (noch) nicht zur Verfügung stehen; oder weil der Blick auf die Vorgeschichte der Gegenwart Verfremdungseffekte bewirkt, die neue Fragen für die Gegenwart aufwerfen. In dieser Sektionstagung möchten wir deshalb Beiträge präsentieren, die das angestammte Terrain arbeitssoziologischer Gegenwartsanalyse erweitern, etwa indem sie neue Perspektiven auf den Wandel von Arbeitsorganisation und Arbeitsverhältnis, Arbeitshaltungen und Arbeitskonflikten entwickeln, die uns helfen können, die Arbeitswelt der Gegenwart besser zu analysieren. Dies wirft eine Reihe von methodologischen Fragen auf, denen wir uns gemeinsam zuwenden möchten:

  • Wie stellen wir Bezüge zur Vergangenheit in qualitativ angelegten empirischen Erhebungen her?
  • Wie tragfähig sind etwa retrospektive Einschätzungen von Befragten für Vergleiche zwischen Vergangenheit und Gegenwart?
  • Können Längsschnittstudien oder Sekundäranalysen des Primärmaterials älterer Studien diese methodologische Problematik auflösen oder wirft dies neue Probleme auf?
  • Wie verhält es sich zum Beispiel mit der Vergleichbarkeit von Kategorien (wie zum Beispiel die Kategorie des Angestellten) in unterschiedlichen historischen Kontexten? Wie verhält es sich mit der Vergleichbarkeit unterschiedlicher methodischer Vorgehensweisen, die für die Arbeits- und Industriesoziologie in unterschiedlichen Epochen typisch waren?

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