„Wir und die anderen“ anderen“ – Politische Gemeinschaftsideen in den Ländern Mittel- und Osteuropas und im postsowjetischen Raum

Tagung der neugegründeten Fachgruppe "Politik- und Sozialwissenschaften" der Gesellschaft für Osteuropakunde e.V.

Politisches Entscheiden bindet Kollektive. Entsprechend relevant ist für jedes politische Regime die Frage, wer dieses Kollektiv ist und wie seine Grenzen bestimmt werden. Wie die Verständigung über diese Frage erfolgt und welche Bedeutung ihr in unterschiedlichen nationalen Kontexten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten zukommt, ist grundsätzlich kontingent: Sie kann mehr oder weniger kontrovers und umkämpft sein, sie kann latent bleiben oder manifest werden, z.B. um bestimmte politische Agenden und Maßnahmen zu rechtfertigen. Nicht zuletzt die jüngsten politischen Erfolge (rechts-)populistischer Parteien und Politiker (auch) in Mittel- und Osteuropa zeugen jedoch davon, dass sie in vielen Ländern in politischen und öffentlichen Debatten an Bedeutung gewinnt. Hinzu kommt, dass die Bestimmung des politischen Kollektivs zunehmend von Gemeinschaftsideen geprägt zu sein scheint, die – im Unterschied zum Konzept der Gesellschaft – das Moment gesellschaftlicher Integration und sozialen Zusammenhalts normativ betonen und die Grenzen der Gemeinschaft über den Verweis auf interne Bindungsmechanismen wie Solidarität festlegen und einfordern. Solche Gemeinschaftsideen bestimmen immer deutlicher politische Zugehörigkeiten, d.h. die Adressierbarkeit und Berücksichtigung von Individuen in politischer Kommunikation und die Möglichkeiten individueller politischer Teilhabe. Jenseits der Unterscheidung von Demokratie und Autokratie sind sie ein wichtiger Faktor, um die Funktionsweise politischer Regime zu verstehen.

Vor diesem Hintergrund besteht das Ziel der Tagung darin, für die gegenwärtigen politischen Systeme in den Ländern Mittel- und Osteuropas und des postsowjetischen Raums politische Gemeinschaftsideen zusammenzutragen und vergleichend zu diskutieren. Leitaspekte sind unter anderem:

  • Welche Kategorien werden in der Konstruktion von Gemeinschaftsideen und Bindungsmechanismen wirksam? Welche Rolle spielen nicht-politische Bezüge (z.B. auf Religion, Raum, Ethnie etc.)? Welche Traditionen werden aktualisiert?
  • Wie werden Zugehörigkeiten konstruiert? Wo verläuft die Grenze zwischen „uns“ und „den anderen“ und wie wird sie gerechtfertigt? Welche Verschiebungen lassen sich beobachten?
  • Welche Rolle spielen Gemeinschaftsideen im politischen Wettbewerb?
  • Wie wird versucht, bestimmte Gemeinschaftsideen gesellschaftlich zu institutionalisieren (z.B. durch Publikationen, Institute etc.)?
  • Wer beansprucht Deutungshoheit in Debatten über Gemeinschaften und ihre Grenzen? Für wen sind Sprecherrollen vorgesehen, wer kann sich Teilhabe erkämpfen, wer bleibt außen vor?
  • Welche historischen Dynamiken lassen sich beobachten?

In der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) spielen Fachgruppen künftig eine prominentere Rolle, um den wissenschaftlichen Austausch zwischen den Jahrestagungen zu gewährleisten. Um dem interdisziplinären Charakter der DGO gerecht zu werden, wurde die bisherige Fachgruppe Politikwissenschaft zur Fachgruppe „Politik- und Sozialwissenschaften“ umorganisiert. Disziplinen wie Anthropologie, Politikwissenschaft, Soziologie und Zeitgeschichte können sich damit enger aufeinander beziehen. Die Tagung versteht sich als Auftakt dieses Vorhabens. Sie wird aus Mitteln der DGO sowie des Forums Internationale Wissenschaft (FIW) in Bonn finanziert.

Kontakt

Prof. Dr. Timm Beichelt, Europa-Universität Viadrina, beichelt(at)europa-uni(dot)de
Dr. Evelyn Moser, Universität Bonn, emoser(at)uni-bonn(dot)de

Hier geht's zur Tagungsankündigung (PDF).