Wissenschaftskommunikation und Kommunikationsgeschichte: Umbrüche, Transformationen, Kontinuitäten

Tagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK)

Die Tagung widmet sich kommunikationshistorischen und aktuellen Perspektiven auf Wissenschaftskommunikation. Damit rückt der Zusammenhang zwischen Medienwandel, gesellschaftlichem und wissenschaftlichem Wandel in den Fokus.

Wissenschaft steht in unterschiedlichen historischen Konkurrenz- und Komplementärbeziehungen zu anderen Wissensordnungen und -beständen (etwa der Religion), zu Moralvorstellungen, gesellschaftlichen Normen oder Tabus, die in sich medial ausdifferenzierenden Arenen und Formen verhandelt werden. Konstant ist in diesem Zusammenhang die besondere Relevanz von Wissenschaftskommunikation für die Vermittlung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Sie trägt wesentlich zur Aushandlung der Konkurrenzbeziehung zwischen Wissenschaft und anderen Wissensordnungen bei. Der mediale Wandel vom Buchdruck bis zur Digitalisierung hat entsprechend im historischen Verlauf auch die Beziehung von Wissenschaft und Gesellschaft wiederholt und vielfältig beeinflusst.

Veranschaulicht werden kann das komplexe Verhältnis von Medien, Wissenschaft und Gesellschaft anhand zahlreicher historischer wie auch aktueller Kontroversen, von der kopernikanischen Wende, über die Rassenlehre, die Atomforschung bis hin zur Gen- oder Klimaforschung. Beispielsweise sind wissenschaftliche Prestigeprojekte wie das CERN, die Luft- und Raumfahrt, aber auch die Forschung zu Waffentechnologien zum Teil als gemeinsame nationale oder supranationale Kraftanstrengungen kommuniziert, als Mittel von politischer Selbstdarstellung in Dienst genommen oder als Bezugspunkt kollektiver Identitäten verhandelt worden. Darüber hinaus sind aktuelle Trends wie Wissenschaftsfeindlichkeit oder -skepsis einerseits und die Politisierung von Forschung andererseits nicht ausschließlich Gegenwartsphänomene, sondern prägen das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft im historischen Zeitverlauf. Forschung hat immer eine Rolle bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme gespielt, hat als Projektionsfläche für Hoffnungen und Ängste gedient, wurde öffentlich diskreditiert oder instrumentalisiert und hat gesellschaftliche Machtkonstellationen gefestigt oder Herrschaftsverhältnisse herausgefordert. Entsprechend erscheint das jeweilige Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft kennzeichnend für bestimmte historische, gesellschaftliche und politische Phasen.

Die Tagung widmet sich daher der Geschichte der Wissenschaftskommunikation und thematisiert ausgehend von Umbrüchen, Transformationen und Kontinuitäten sowohl die öffentliche (z. B. Medienöffentlichkeit), die strategische (z. B. Hochschulkommunikation) als auch die soziale Kommunikation (z. B. unter Kolleg_innen oder unter Laien) in, von und über Wissenschaft. Damit werden die interne und externe Wissenschaftskommunikation genauso adressiert wie die mediale Berichterstattung über und die Resonanz auf Wissenschaft und Forschung.

Neben (kommunikations-)historischen Perspektiven auf Wandel und Persistenzen nimmt die Tagung auch jüngere Trends im Wechselspiel zwischen Gesellschaft und Wissenschaft (z. B. Open Science, Medialisierung/Mediatisierung) und theoretische wie methodische Herausforderungen der Analyse von Wissenschaftskommunikation im Zeitverlauf in den Blick.

Schwerpunkte
1. Umbrüche, Transformationen, Kontinuitäten
Zu diesem Schwerpunkt laden wir Beiträge ein, die sich aus historischer und aktueller Perspektive mit Wechselwirkungen zwischen medialem Wandel und Veränderungen wissenschaftlicher Praxis sowie Umbrüchen, Transformationen und Kontinuitäten der internen und externen Wissenschaftskommunikation beschäftigen. Beispiele für die interne Kommunikation sind Umbrüche in den Publikationssystemen wissenschaftlicher Communities, Auswirkungen der aktuellen Krise wissenschaftlicher Verlage oder die Verlockungen sogenannter Predatory Journals im Publikationswettbewerb. Was lernen wir aus früheren kommunikativen Umbrüchen innerhalb der Wissenschaft und wie lassen sich aktuelle Trends einordnen? An der externen Kommunikation sind sowohl einzelne Wissenschaftler_innen als auch Organisationen beteiligt. Wie wurden und werden beispielsweise wissenschaftliche Durchbrüche und Sensationen kommuniziert? Wie hat sich die Kommunikation wissenschaftlicher Akteure (z. B. von Hochschulen) im Zeitverlauf verändert?

2. Wissenschaft, Medienöffentlichkeit und Gesellschaft
An diesen Schwerpunkt lassen sich Fragen der medialen Kommunikation über wissenschaftliche Akteure und Themen anschließen. Wie hat sich die Wissenschaftsberichterstattung im Zeitverlauf verändert? Wie sieht die digitale Zukunft der Wissenschaftsberichterstattung aus? Welche organisationalen Veränderungen sind im Wissenschaftsjournalismus zu beobachten – zum Beispiel im Hinblick auf den Wandel des Wissenschaftsressorts? Inwiefern verändert sich das medial vermittelte Bild von Wissenschaft, von einzelnen Disziplinen oder von Fachkulturen im Zeitverlauf? Außerdem sind hier auch Beiträge relevant, die den Zusammenhang von gesellschaftlichem, medialem und wissenschaftlichem Wandel fokussieren und historisch einordnen. Inwiefern zum Beispiel hat sich das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit verändert? Welche gesellschaftlichen Rollen übernimmt Wissenschaft in unterschiedlichen historischen Phasen, auch mit Blick auf konkurrierende Wissensordnungen? Was sind Besonderheiten bestimmter Epochen und politischer Systeme? Wie wird die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen und Akteuren gestaltet? Welche Rolle und welches Verhältnis haben bzw. welche Leistungen erbringen gesellschaftliche Gruppen und Laien als Kritiker, Förderer oder Beiträger für die Wissenschaft (z. B. Citizen Science)? Hier können Prozesse von Mediatisierung und Medialisierung der Wissenschaft ebenso diskutiert werden wie beispielsweise die Themen Open Access, Offenheit oder Geschlossenheit, Zugänglichkeit und Teilhabemöglichkeiten an wissenschaftlichem Wissen.

3. Theoretische und methodische Herausforderungen
Ein weiterer Fokus der Tagung behandelt theoretische und methodische Herausforderungen für eine historische und diachrone Analyse von Wandlungsprozessen im Verhältnis von Gesellschaft und Wissenschaft. Eingeladen sind Beiträge, die sich mit Möglichkeiten und Grenzen theoretischer Konzepte, methodischer Designs und der Zugänglichkeit und Erschließung von Quellen auseinandersetzen, die zur Erforschung unterschiedlicher Aspekte von Wissenschaftskommunikation im Wandel eingesetzt werden können. Weiterhin sind solche Beiträge interessant, die sich mit dem Wandel der Erforschung von Wissenschaftskommunikation in und außerhalb der Kommunikationswissenschaft sowie vor und seit ihrer Konsolidierung als ausgewiesene Teildisziplin des Faches befassen.

4. Offene(s) Panel(s)
Für Mitglieder beider Fachgruppen besteht die Möglichkeit, unabhängig vom Call for Papers Beiträge einzureichen.

Einreichungen
Einreichungen können in deutscher oder englischer Sprache als „Extended Abstracts“ erfolgen; der Umfang der Einreichungen sollte 8.000 Zeichen nicht überschreiten (inkl. Leerzeichen und Literaturverzeichnis). Die Einreichung besteht aus einem Deckblatt mit Titel, Name/n und Kontaktangaben und einem anonymisierten Textteil (inklusive Beitragstitel).
Beiträge können für die folgenden Formate eingereicht werden:

  • Vortrag: ca. 20-minütige Präsentation von abgeschlossenen Forschungsprojekten mit anschließender Diskussion (ca. 10 Minuten). Bitte geben Sie bei der Einreichung an, ob der Beitrag im Rahmen einer Dissertation oder eines studentischen Forschungsprojektes entstanden ist.
  • Work in Progress: ca. 10-minütige Präsentation von laufenden Forschungsprojekten mit Feedback und Diskussion (ca. 20 Minuten). Bei der Begutachtung wird berücksichtigt, dass die Projekte noch nicht abgeschlossen sind. Bitte geben Sie bei der Einreichung an, ob der Beitrag im Rahmen einer Dissertation oder eines studentischen Forschungsprojektes entstanden ist.
  • Panel: Präsentation größerer Projekte oder Forschungszusammenhänge. Einreichungen enthalten Paneltitel inklusive Autor_innenangaben, anonymisierte Beschreibung des Panels in 3.000 bis 4.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen, Literatur, Tabellen und Abbildungen) sowie Titel und Abstract (anonymisiert) für jeden Vortrag (jeweils 1.000 bis 1.500 Zeichen inklusive Leerzeichen, Literatur, Tabellen und Abbildungen). Ein Panel kann drei bis vier Vorträge enthalten. Diese sollen einander ergänzen und durch ihr Zusammenspiel einen deutlichen Mehrwert für die Darstellung des Forschungsthemas vermitteln. Die parallele Einreichung einzelner Beiträge aus einem Panelvorschlag im Normalverfahren ist nicht zulässig.

Alle Einreichungen werden anonym (double-blind) begutachtet. Dabei kommen die üblichen Kriterien zur Anwendung: Bezug zum Tagungsthema, Relevanz, theoretischen Fundierung, Angemessenheit der Methode/Vorgehensweise, Klarheit/Prägnanz der Darstellung. Bitte senden Sie die Extended Abstracts bis zum 5. Oktober 2019 als PDF-Dokument per E-Mail an: a.scheu(at)uni-muenster(dot)de.

Kontakt

Christian Schwarzenegger
Institut für Medien, Wissen und Kommunikation
Universität Augsburg
christian.schwarzenegger(at)phil.uni-augsburg(dot)de