Wozu Normen? – Zur Funktion von Normativität in der theoretischen Soziologie

Zweiter Workshop des AK Normen und Normativität

Die Tagung widmet sich dem Konzept der sozialen Norm (1.), als einem soziologischen Grundbegriff (2.) und als analytischem Konzept der soziologischen Erkenntnisgewinnung.

OrganisatorInnen sind: Fabian Anicker (Düsseldorf/Münster), Matthias Klemm (Fulda), Linda Nell (Münster) und Ulf Tranow (Düsseldorf)

1. Der Begriff der sozialen Norm

Dass es soziale Normen im Sinne von Gesetzestexten, Hausordnungen oder Spielregeln, aber auch im Sinne ungeschriebenen „Gewohnheitsrechts“ und milieuspezifischer Kleidungsordnungen etc. „gibt“, dürfte soziologisch unbestritten sein. Sobald man nach der Bedeutung von derartigen, prima facie unproblematischen Existenzaussagen fragt, wird der vermeintliche Konsens allerdings brüchig. Worum es sich bei Normen genau handelt und was die Dimensionen des Normativen sind, wird höchst unterschiedlich ausbuchstabiert. Angesichts dieser sehr unübersichtlichen Gemengelage scheint es sinnvoll, die Normbegriffe in der innersoziologischen Diskussion zu ordnen oder zu synthetisieren. Welche Normbegriffe werden vertreten, wie werden sie begründet und in welcher Relation stehen sie zueinander? Worin manifestieren sich soziale Normen und welcher sozialontologische Status kommt ihnen zu? Welche weiteren Konzepte, wie etwa Kontrafaktizität, Sanktion, Situation, Verhaltensregelmäßigkeit oder Erwartung(-ssicherheit) sind in dieser Hinsicht nötig? Wie verhält sich der Begriff der Norm zu benachbarten semantischen Konzepten wie Normierung, Normativität, Normalisierung und Moralität? Da in der Soziologie häufig davon ausgegangen wird, dass sich Normativität keineswegs in Moraladäquanz erschöpft und soziale Normativität auch jenseits eines intentional explizit realisierten Abgleichs von allgemeinen Regeln und konkreten Fällen wirksam ist, stellt sich die Frage, wie sich implizite Normen unterhalb der Schwelle generalisierter, expliziter Normierung methodologisch erkennen lassen. Das Konzept der Norm wird längst nicht nur von der Soziologie, sondern von verschiedenen Wissenschaften für unterschiedliche Belange in Beschlag genommen. Dabei ist nicht nur, ja, vielleicht nicht einmal in erster Linie an die Rechtswissenschaften zu denken: Die Betriebswirtschaftslehre etwa vertritt Normen der Haushaltsführung und die Erziehungswissenschaften regeln „richtigen“ Erziehens. Worin besteht angesichts dieser Vielfalt einzelwissenschaftlicher Normthematisierung und -explikation die spezifisch soziologische Perspektive auf Normativität? Zu fragen ist nach der besonderen Leistungsfähigkeit des soziologischen Blickwinkels sowie nach einem umfassenden begrifflichen und methodischen Zugriff auf das Phänomen der Normativität. Es sind Beiträge willkommen, die sich dem Thema Normen und Normativität in dieser grundsätzlichen Weise annehmen.

2. Normativität im Kontext soziologischer Theorie(n)

Unabhängig davon, was im Einzelnen unter dem Begriff „Norm“ verstanden wird, erfährt die Dimension des Normativen in verschiedenen Theorieperspektiven eine höchst unterschiedliche Gewichtung. Während in den klassischen Ansätzen des Fachs die Vorstellung einer „normativen Integration“ von Gesellschaft eine herausragende Rolle spielt, kann man mit Blick auf viele neuere Theorieangebote den Eindruck gewinnen, dass soziale Normen eher Beiwerk als Hauptgegenstand soziologischer Theorien sind. Neben Luhmanns Systemtheorie gelten innerhalb der soziologischen Diskussion insbesondere aktuelle Stoßrichtungen wie die Praxistheorie und die Akteur-Netzwerk-Theorie entschiedenermaßen als nicht-normativ. Der praktische Vollzug und die Annahme einer strikt horizontalen Entwicklung sozialer Wirklichkeit schließen vorauslaufende Mechanismen der Handlungsorientierung (Erwartungen und kontrafaktische Erwartungsstabilisierungen) und damit Normen kategorisch aus. Aber lassen sich soziale Phänomene tatsächlich konsequent unter Absehung von Normativität beschreiben? Oder sind bei solchen Ansätzen Bruchstellen in den Phänomenbeschreibungen oder terminologische Neueinführungen mit ähnlichem begrifflichen Gehalt zu beobachten? Nur weil der Terminus der Norm (vielleicht aus begriffspolitischen Gründen?) keine Verwendung findet, heißt dies nicht, dass nicht unter der Hand sehr ähnliche sozialtheoretische Konzepte (weiter-)verwendet werden. Für den Workshop sind Beiträge geplant, die die Rolle und Funktion von Normen und Normativität im Rahmen verschiedener soziologischer Theorien diskutieren – ganz gleich, ob sie unter diesem Namen auftreten oder nicht. Welchen Stellenwert haben Normen innerhalb einzelner Theorieperspektiven bzw. wozu werden sie im Rahmen soziologischer Theorien (explanativ und interpretativ) gebraucht?

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