Zwischen Willkommenskultur und Restriktion: Migrationsdiskurse im und nach dem langen Sommer der Migration

Workshop am 2. und 3. Juli 2020 an der Freien Universität Berlin

Bilder von Menschenmengen an deutschen Bahnhöfen, die Geflüchtete klatschend und mit Essenspaketen willkommen heißen, stehen symbolisch für eine auch im Ausland umfangreich rezipierte Willkommenskultur in Deutschland. Während sich Millionen Menschen in Flüchtlingsinitiativen engagierten, wurde zugleich die Migrationsgesetzgebung in Deutschland kontinuierlich verschärft. Diese Entwicklung gipfelte zuletzt in der Verabschiedung des sogenannten „Geordnete Rückkehr Gesetz“, das zwar kontrovers diskutiert wurde, jedoch keine signifikanten gesellschaftlichen Proteste hervorrief.

Wie lässt sich dieser Widerspruch der breiten Unterstützung von Migrant_innen einerseits und der Akzeptanz repressiver Gesetzgebung andererseits interpretieren? Bislang fehlt es an Erklärungsversuchen, unter anderem deshalb, weil das Phänomen der Willkommenskultur vor allem affirmativ als ein genuin demokratisches und inklusives Projekt verhandelt wurde. Damit verbunden ist eine Gesellschaftsanalyse, die liberale Migrationsbefürworter_innen und Rechtspopulist_innen in klare Opposition zueinander stellt und die Verschärfung des Grenzregimes dann als Folge eines „Rechtsrucks“ analysiert.

Ausgangspunkt dieses Workshops ist hingegen die Annahme, dass dem Begriff der Willkommenskultur selbst eine Ambivalenz anhaftet, die sich nur erfassen und verstehen lässt, wenn man den mit ihr verbundenen Komplex aus medialen Diskursen, politischen Institutionen und ökonomischen Verhältnissen in den Blick nimmt. Unserer Ansicht nach handelt sich bei der Willkommenskultur um einen außerordentlich produktiven Begriff, der eigene Wissensformen, Analysekategorien und Reflexionsmuster hervorgebracht hat und somit maßgeblich die Register prägt, in denen Migration nach Europa und Deutschland verhandelt wird. Trotz der vielfältigen politischen und sozialen Implikationen handelt es sich um einen im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs unterbestimmten Begriff.

Ziel des Workshops ist daher die Willkommenskultur selbst zum Gegenstand einer kritischen analytischen Auseinandersetzung zu machen und die damit verbundenen gesellschaftspolitischen Dynamiken zu analysieren.

Der Workshop wird von Julia Glathe und Laura Gorriahn an der Freien Universität Berlin organisiert.

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