Berliner Splitter I: Freitag

Bericht vom ersten Tag der Konferenz "Emanzipation", 25. Mai 2018

Akademische Tagungen finden nie im luftleeren Raum statt. Trotzdem wirken die auf ihnen geführten Diskussionen manchmal seltsam entrückt. Nicht selten ist es insbesondere die praktische Relevanz theoretischer Fragestellungen, die – mitunter sogar den Beteiligten – unklar bleibt und beim Publikum Kopfschütteln verursacht. Dass der lebensweltliche Bezug bei der von RAHEL JAEGGI (Berlin), KRISTINA LEPOLD (Frankfurt am Main) und THOMAS SEIBERT (Medico International) konzipierten und in Zusammenarbeit mit SABINE HARK (Berlin) durchgeführten internationalen Tagung zum Begriff der „Emanzipation“ nicht fehlt, scheint in Zeiten von Krieg, Krise, Populismus und Flüchtlingsströmen unmittelbar evident. Ungeachtet aller aktuellen, aber auch historischen Bezüge zum Mai 1968 und dem mit dieser politischen Chiffre aufgerufenen Deutungszusammenhang, verbanden die Verantwortlichen mit der Veranstaltung jedoch vornehmlich programmatische Absichten: Im Kern ging es darum, zu eruieren, welches Potenzial der semantisch mehrdeutige und darum in vielerlei Hinsicht sozialtheoretisch anschlussfähige Begriff der „Emanzipation“ als systematischer Ausgangs- und Orientierungspunkt einer Sozialphilosophie in der Tradition der Kritischen Theorie besitzt. Dass der Begriff noch nicht der „Knotenpunkt der aktuellen sozialphilosophischen wie gesellschaftspolitischen Debatten“ ist, als der er im Tagungsprogramm ausgewiesen wurde, tut nichts zur Sache. Klappern gehört schließlich auch in der Wissenschaft längst zum Handwerk. Was neugierig machte und der Tagung neben sachlicher auch besondere wissenschaftspolitische Relevanz verlieh, war der Umstand, dass zu den VeranstalterInnen mit Rahel Jaeggi auch die Direktorin der Berliner Dependance des jüngst von dem Hamburger Unternehmer Erck Rickmers gestifteten Center for Humanities & Social Change (CHS) gehörte, dessen Gründung nicht zufällig im Rahmen des Eröffnungsempfangs der Tagung gefeiert wurde. Grund genug also, in der Veranstaltung einen ersten richtungweisenden Fingerzeig für die zukünftige Arbeit des CHS zu sehen – und Anlass für uns, in ausführlicher, wenn auch nicht erschöpfender Weise in Wort und Text von den Plenarveranstaltungen sowie den einzelnen Kolloquien der Tagung zu berichten. Für das Entgegenkommen der VeranstalterInnen im Vorfeld und während der Tagung sei Ihnen an dieser Stelle herzlich gedankt. – Die Red.

 

 

Zur Sonne, zur Freiheit

Der erste Eindruck: Festivalatmosphäre. In kleinen Gruppen strömen junge Leute zum Berliner Haus der Kulturen der Welt. Wie es scheint, ist in der Hauptstadt bei hochsommerlichen Temperaturen nicht nur die Leidenschaft für Freibäder entfacht, sondern auch für Kritische Theorie. Entfremdet ist hier gleichwohl niemand. Eher herrscht Überintegration. Je näher man dem Ziel kommt, desto dichter wird das Gedränge. Der Aufgang zum großen Saal, in dem die Auftaktveranstaltung stattfinden soll, ist bereits gut gefüllt. Draußen auf der Terrasse werden kalte Getränke konsumiert. An den Stehtischen, etwas abseits vom überwiegend studentischen Publikum, übt sich der graduierte wissenschaftliche Nachwuchs in Distinktion.

Dann ist es endlich soweit: Die Türen öffnen sich und das Publikum flutet den Saal. Es herrschen Vorfreude und gespannte Neugier. Das Licht geht aus und SABINE KUNST, die Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin, und Angela Ittel die Vize-Präsidentin der Technischen Universität Berlin, betreten die Bühne. Doch noch bevor die beiden ihre Grußworte halten können, ereignet sich der erste – und einzige – emanzipative Akt des Abends: Unter dem donnernden Applaus ihrer KommilitonInnen entert eine Gruppe studentischer Beschäftigter die Bühne und verwehrt den Präsidien ihre Begrüßungsworte, um für eine bessere Entlohnung ihrer Arbeit zu demonstrieren. Der Protest verläuft gesittet und sympathisch. Bar jeder Radikalität fordern die Studierenden im Stil jugendlicher Gewerkschafter eine inflationsbereinigte Lohnerhöhung („17 Years of Inflation, the Kids Want Comepensation“). Das wirkt ein bisschen spießig, aber immerhin machen die Studierenden deutlich, dass auch ein Kongress über Emanzipation selbst in einen institutionellen Korpus von Macht und Herrschaft eingelassen ist.

Nach dem vom solidarischen Beifall des Publikums begleiteten Abgang der AktivistInnen bleiben die beiden Universitätsvertreterinnen etwas betreten zurück. Sie machen gute Miene zum ja auch gar nicht so bösen Spiel und danken den Protestierenden für ihren Appell. Zu den Forderungen Stellung nehmen wollen sie nicht. Routiniert werden die Grußworte verlesen und die Gelegenheit zum „Knowledge Exchange“ begrüßt, was man wohl getrost mit „Wissensaustausch“ übersetzen darf. Im äußerst moderat ausgetragenen rhetorischen Überbietungswettbewerb zum Thema „Kritische Universität“ hat Frau Ittel von der TU Berlin die Nase vorn, die es sich nicht nehmen lässt, noch einmal an die großen linken Kongresse der Vergangenheit (Vietnam, Tunix) zu erinnern. Am Ende freundlicher Applaus für angenehm kurze Grußworte und die Erkenntnis, dass Emanzipationsforderungen, um wirksam zu werden, auch bei denjenigen Gehör finden müssen, die den status quo aufrechterhalten.

Wer nach diesem unterhaltsamer als gedacht verlaufenem Auftakt nun mit dem Beginn der inhaltlichen Diskussion gerechnet hat, sieht sich getäuscht. Statt dessen nutzen die VeranstalterInnen SABINE HARK (Berlin), RAHEL JAEGGI (Berlin), KRISTINA LEPOLD (Frankfurt am Main) und THOMAS SEIBERT (Medico International) die Gelegenheit, um das Publikum nicht nur ausführlich über die Entstehungsgeschichte der Tagung und die mit ihrer Durchführung verbundenen Absichten, sondern auch über den offiziellen Hashtag, die kulinarische Grundversorgung sowie allerlei andere organisatorische Kleinigkeiten zu informieren. Und selbstverständlich – denn „Danksagungen und lobende Erwähnungen sind eine Sache der distributiven Gerechtigkeit“ (Michael Walzer) – müssen auch die Sponsoren der wissenschaftlichen Großveranstaltung noch genannt werden.

Das kleine Stimmungstief im Publikum, dass die Ausführungen begleitet und sich in vereinzelten Missfallensbekundungen („Buh!“) äußert, verfliegt sofort, als das mit SEYLA BENHABIB (Yale), WENDY BROWN (New York), DIDIER ERIBON (Amiens), RAHEL JAEGGI (Berlin) und CHRISTOPH MENKE (Frankfurt am Main), hochkarätig besetzte und von DANIEL LOICK (Erfurt / Frankfurt am Main) mit professioneller Lockerheit moderierte Podium die Arbeit aufnimmt. In fünf Kurzvorträgen von maximal 20 Minuten sollen die ReferentInnen Gedanken zum systematischen Gehalt und diagnostischen Potenzial des Emanzipationsbegriffs sowie zu dessen möglicher Eignung für eine kritische Sozialphilosophie Stellung nehmen. Den Anfang macht Seyla Benhabib, die in der ihr eigenen ruhigen Art zwar wenig zur systematischen, aber dafür einiges zur historischen Bedeutung des Konzepts der „Emanzipation“ für die Kritische Theorie zu sagen hat, bevor sie im Bewusstsein der eigenen Bedeutsamkeit die wichtigsten Stationen ihrer intellektuellen Biografie referiert. Ein dankbares Publikum hört trotzdem gerne zu.

Im Anschluss stellt Rahel Jaeggi neun Thesen zum Emanzipationsbegriff vor, in denen man so etwas wie die programmatische Skizze einer zeitgenössischen Variante Kritischer Theorie und möglicherweise die Umrisse eines Forschungsprogramms sehen kann. In Abgrenzung von anderen zentralen sozialphilosophischen Begriffen wie dem der „Autonomie“ charakterisiert sie Emanzipation als einen Akt der kollektiven Selbstbefreiung sowohl von persönlichen als auch von strukturellen Zwängen und mit dem Ziel einer tiefgreifenden Veränderung der gesellschaftlichen Verkehrs- und Lebensformen. Verstanden als kollektiver Prozess der Selbsttransformation beschränke sich Emanzipation nicht auf die Sphären von Politik und Wirtschaft, sondern erstrecke sich auf alle sozialen Verhältnisse, das Geschlechterverhältnis ebenso wie das Generationenverhältnis, das Naturverhältnis nicht weniger als das Körperverhältnis. Spätestens in dem Moment, als Jaeggi die Forderung nach Emanzipation als Ausdruck der „Sehnsucht nach einer schöneren, freieren Lebensform“ umschreibt, hat man das Gefühl, dass bei der Abfassung der Thesen kein Geringerer als Herbert Marcuse Pate gestanden hat, an dessen Versuch über die Befreiung man sich durch die Ausführungen mehr als einmal erinnert fühlt. Neben Marcuse hat aber auch der frühe Habermas seine Spuren in den Thesen hinterlassen, bekennt sich Jaeggi doch zu einer kritischen Sozialphilosophie, die die Wahrheitsfähigkeit theoretischer, praktischer und ästhetischer Fragen postuliert. Auf weitere Ausarbeitungen insbesondere zu diesem Themenkomplex darf man gespannt sein. Schon ein kurzer Blick in das überwiegend quietschbunt und ausgesprochen luftig bekleidete Auditorium fördert zahlreiche potenzielle GesprächspartnerInnen für entsprechend kritische Diskurse über ästhetische Fragen zutage.

Keine ästhetische, sondern gut begründete sachliche Kritik übt Didier Eribon, der in seinem Kurzstatement die Grenzen der Emanzipation zum Thema macht. Ausgehend von sehr persönlichen familiären Erfahrungen lenkt Eribon die Aufmerksamkeit des vornehmlich jungen, gesunden, gut ausgebildeten und finanziell auskömmlich versorgten Publikums auf die Lebenswelten benachteiligter und in sozial prekären Verhältnissen lebender Menschen, die zu alt, zu krank, zu unwissend oder zu arm sind, um sich zu einem kollektiv handlungsfähigen „Wir“ zusammenzuschließen und sich, wie es Rahel Jaeggi formuliert hat, „am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen“. Mit Blick auf diese „Ausgeschlossenen“ plädiert Eribon entschieden dafür, das seiner Ansicht nach zu individualistische Konzept der Emanzipation durch das stärker soziale Konzept der Repräsentation zu ergänzen. Mit Simone de Beauvoir, auf die er sich in diesem Zusammenhang beruft, erinnert er an die Verantwortung der Intellektuellen, stellvertretend zu handeln für diejenigen, die sich nicht selbst helfen können, „um ihnen eine Stimme zu geben“ und ihr stummes Leiden vernehmbar zu machen.

Skepsis am Konzept der Emanzipation durchzieht auch den wohltemperierten Vortrag von Christoph Menke, der einen kritischen Blick auf die Geschichte linker Befreiungskämpfe und Emanzipationsbewegungen wirft. Ausgehend von der Feststellung, dass Emanzipationsprozesse nie voraussetzungslos stattfinden, sondern unter Bedingungen, die als Folgen vorheriger Handlungen verstanden werden müssen, erteilt Menke der linken Vorstellung von der Geschichte als einem Fortschrittsprozess eine klare Absage. Weit davon entfernt, Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu überwinden und immer mehr Menschen zu befreien, hätten die Revolutionen und Befreiungskämpfe der Vergangenheit häufig nur neue Formen von Zwang und Ausbeutung hervorgebracht, seien die vormals Unterdrückten in die Rolle der Unterdrücker geschlüpft. Als Beispiel verweist er auf die erfolgreiche Emanzipation des Bürgertums vom Adel, die die Unterdrückung der Proletarier hervorgebracht habe. Gleichwohl hält Menke das Scheitern von Emanzipationsprozessen, also ihr Umschlagen in neue Herrschaftsverhältnisse, nicht für zwangsläufig. Die Dialektik von Emanzipation und Herrschaft lasse sich durchaus auflösen. Dazu brauche es aber andere Formen emanzipativer Praxis und neue Weisen des Sprechens. Ebenso wenig, wie es ausreiche, einer bislang ausgeschlossenen Gruppe neue Rechte zu verleihen, ebenso verfehlt sei es, durch Umerziehung neue Subjekte hervorbringen zu wollen. Und auch eine auf der Unterscheidung zwischen dem normativ Richtigen und Falschen beruhende Kritik tauge nicht als Ausgangspunkt für zukünftige Emanzipationsprozesse, sondern sei dazu verurteilt, dem Gesetz des Scheiterns zu erliegen. Die naheliegende Frage, wie Emanzipation angesichts dieser Fundamentalkritik dann überhaupt noch zu denken sei, beantwortet Menke mit einem Lächeln und unter Verweis auf die Figur des Clov aus Samuel Becketts Endspiel:  Es fängt damit an, aufzuhören. Menke hört auf – und überlässt die Deutung seines rätselhaften Ratschlags dem Publikum.

Als letzte Vortragende ergreift schließlich Wendy Brown das Wort. In einem rhetorisch ausdrucksstarken Vortrag, der auf Abwägungen, Vorbehalte und Differenzierungen zugunsten einprägsamer Zuspitzungen weitgehend verzichtet, erklärt sie dem zwischen Verwunderung und Faszination schwankenden Publikum ihren „Abschied von der Emanzipation“. In geschliffen scharfen Worten geißelt sie zunächst die verheerenden Auswirkungen einer neoliberalen Politik, der sie vorwirft, sämtliche soziale Bindungen und Werte im Namen eines pervertierten, weil durch und durch rücksichtslosen Freiheitsideals zu zerstören. Nicht von ungefähr, so Brown, gehöre der vormals linke Begriff der „Freiheit“ heute zum festen Vokabular der politischen Rechten in den USA. Angesichts einer Situation, in der sich autoritäre und totalitäre Regime weltweit auf dem Vormarsch befänden und das Antlitz der Freiheit durch „ein faschistisches Glitzern im Auge“ entstellt sei, tauge das Konzept der „Emanzipation“ allenfalls noch als kritischer Begriff, aber nicht mehr als normatives Ideal. Stattdessen wirbt sie für eine linke Politik, die sich stärker an den Werten „Gerechtigkeit“ und „Verantwortung“ orientiert und sich auf die Verteidigung der Institutionen des Rechtsstaats konzentriert. Der Kontrapunkt zu dem von Rahel Jaeggi skizzierten Programm könnte deutlicher und düsterer nicht ausfallen. Das von Wendy Brown entworfene Szenario richtet sich nicht an eine Linke auf dem Vormarsch, sondern an eine, die letzte Bastionen verteidigt.

Die Antworten auf die Ausgangsfrage, was Emanzipation heute sein kann und inwiefern sich der Begriff sozialphilosophisch erneuern lässt, fallen damit nicht nur ausgesprochen vielfältig, sondern auch überraschend kritisch aus. Einig sind sich die ReferentInnen darin, dass Emanzipation auf die Befreiung aus Herrschaftsverhältnissen zielt. Einig sind sie sich auch in der Überzeugung, dass diese Befreiung nicht als ein einmaliger revolutionärer Akt zu denken ist, sondern als ein fortlaufender Prozess der Befreiung verstanden werden muss. Uneins sind sie sich hingegen mit Blick auf das diagnostische Potenzial und die normative Orientierungsfunktion des Begriffs. Hier haben sowohl Wendy Brown und Didier Eribon als auch Christoph Menke gewichtige Einwände formuliert, auf deren weitere Erörterung im Rahmen der kommenden Kolloquien und Panels man gespannt sein darf. Bestens angeregt und zwischenzeitlich sogar gut unterhalten kehrt man aus dem dunklen Saal zurück ins Treppenhaus und hinaus auf die sonnenüberflutete Terrasse. Inmitten fröhlich plaudernder Gruppen von Studierenden steht der graduierte wissenschaftliche Nachwuchs schon wieder beisammen – kritisch, versteht sich. (Karsten Malowitz)

 

 

(Moritz Klenk)

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Clemens Reichhold.