Die Gesellschaft – nach Rücksprache mit der Soziologie

Bericht zur Tagung "Sozialwissenschaften – mit oder ohne 'Gesellschaft'?" am 24. und 25. Mai 2019 an der Ludwig-Maximilian-Universität München

Die Frage nach der Möglichkeit sozialer Ordnung treibt die Soziologie von Anbeginn ihrer fachlichen Existenz um. Das ausgehende 18. und beginnende 19. Jahrhundert hat nicht nur die Soziologie als eigene Disziplin hervorgebracht, sondern auch die Konturen ihres Gegenstands geformt. Nicht zuletzt weil Gesellschaft heute nicht mehr zwangsläufig mit dem bürgerlichen Nationalstaat in eins gesetzt wird, ist höchst umstritten, auf was der Begriff „Gesellschaft“ eigentlich Bezug nimmt – und ob eine penible Definition überhaupt analytischen Gewinn verspricht.

Die Tagung, die von den Sektionen Kultursoziologie und Soziologische Theorie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie organisiert wurde, hatte sich zum Ziel gesetzt, die Diskussion aufzunehmen und fragte folgerichtig nicht nur nach Potenzial und möglicher Kritik eines Gesellschaftsbegriffs, sondern auch nach denkbaren Alternativen zu holistischen Auffassungen von Gesellschaft.

OLIVER MARCHART (Wien) plädierte für einen starken Gesellschaftsbegriff. Sein Vortrag referierte die Einleitung seines einschlägigen Buches „Das unmögliche Objekt“ und konstatierte dementsprechend die Paradoxie der „Unmöglichkeit und Notwendigkeit von ‚Gesellschaft‘“: Gesellschaft sei kein Ding neben anderen und schon gar kein abgrenzbarer Gegenstand. Vielmehr habe man es bei diesem Grundbegriff mit der Bezeichnung eines Fundaments zu tun, die in der Tradition der Inanspruchnahme letzter Gründe stehe – ähnlich wie bei „Gott“, „der Geschichte“ oder dem „Markt“. Die Existenz derartiger Gründe könne jedoch, so Marcharts heideggerianische Deutung, unter der Einstellung eines erkenntnistheoretischen Realismus ernsthaft weder unterstellt werden, noch lasse sich die Verwendung derartiger Grundbegriffe vollständig vermeiden. Insofern seien sozialontologischer Fundamentalismus wie auch sein Anatagonist, das heißt der Antifundamentalismus, nicht wahrheitsfähig. Marcharts Gegenvorschlag führt bekanntlich ins postfundamentalistische Paradigma: ihm zufolge ist Gesellschaft zwar notwendig, jedoch stets prekär und umkämpft, also eine „unmögliche Totalität“.

Was diesem Gesellschaftsbegriff zugrunde liegt, ist die Prämisse einer Gleichursprünglichkeit von Konflikt und Kontingenz. Wird das Soziale als kontingent erfahren, müssen divergierende Ansichten darüber, wie es ausgestaltet werden soll, in Konflikt miteinander geraten. Und umgekehrt wird gerade im Aufeinanderprallen verschiedener Gestaltungsalternativen offenbar, dass die gesellschaftliche Verhältnisse ihrer logischen Natur nach kontingent, folglich prinzipiell gestaltbar sind. Von daher verweist Marcharts Gesellschaftsbegriff auf ein antagonistisches Verhältnis, was ihn hochgradig politisiert. Dass daraus auch analytisch ein Primat dessen folgt, was bei Marchart im Gegensatz zur Politik als „das Politische“ apostrophiert wird, räumte der österreichische Politikwissenschaftler in der Diskussion unumwunden ein. Die Leistung und der Vorzug eines derart politisierten Gesellschaftsbegriffs läge nicht zuletzt darin, dass er die Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaftskritik freilege: Erst das Wissen um die Kontingenz sozialer Verhältnisse ermöglicht deren Kritik.

Konfrontiert mit dem Einwand, Ordnungen und mithin Kontroversen um ihre Gestaltung seien stets räumlich situiert, gab Marchart zwar zu, dass seine Theorie einen konkreten Konflikt um das Fundament der Gesellschaft in seiner spezifischen Verlaufsform nicht fassen könne, verteidigte seinen holistischen Gesellschaftsbegriff allerdings mit dem Hinweis, er verstehe „Gesellschaft“ als „Index der Kontexte“: Ordnungen seien zwar lokal und lieferten die Kontexte, innerhalb deren individuelle wie kollektive Handlungen erklärt und verstanden würden, doch ließe sich ihre kontextualisierende Funktion nicht räumlich limitieren. Auch lokale Kontexte müssten jeweils kontextualisiert werden, was zeige, dass ein „Index der Kontexte“ unverzichtbar sei.

Ein weiteres Plädoyers für einen – wenn auch schwachen – Gesellschaftsbegriff hielt JENS GREVE (Göttingen), der eine Heuristik präsentierte, die gerade nicht mit der Annahme operiert, es handle sich bei „Gesellschaft“ um die Bezeichnung einer ganz eigenen Realitätsebene des Sozialen. Stattdessen plädierte er für einen „reduktiven Individualismus“, demzufolge die Gesellschaft zwar aus einzelnen Individuen bestehe, die vergesellschafteten Individuen im Kollektiv freilich Eigenschaften aufwiesen, die ihnen als Einzelpersonen nicht zugeschrieben werden könnten. Trotzdem sei das Auftreten derartiger Eigenschaften, das heißt solche Emergenzen, in analytischer Hinsicht reduzierbar. Greve führte beispielhaft ein Wohnviertel an, das segregiert sein könne, ohne dass die einzelnen BewohnerInnen das bei der Auswahl ihrer Nachbarschaft intendiert hätten und dessen Segregation sich doch auf individuelle Entscheidungen für einen Wohnort reduzieren lasse.

Dabei sprach sich Greve dezidiert gegen die Annahme aus, dass Makrostrukturen kausale Wirkung entfalten, also zur Erklärung sozialer Phänomene taugen. Aus diesem Grund könne die räumliche Segregation eines Wohnviertels auch nicht die Handlungen einzelner Individuen erklären. Dieselbe Logik gelte auch für jeden Begriff von Gesellschaft. Solchen Begriffen fehle per definitionem jede kausal-explanatorische Kraft, sobald einmal anerkannt sei, dass es ein Irrtum ist, Makrostrukturen als Ursachen zu kategorisieren. Gleichwohl erlaube ein Begriff, der die Gesamtheit des Sozialen umfasse, bestimmte Fragen zu stellen – etwa nach der Integration der Gesellschaft, nach gesellschaftlichen Ungleichgewichten oder gesellschaftlicher Evolution. Ein solcher Gesellschaftsbegriff sei jedoch strukturlos, könne folglich auch nicht strukturierend wirken.

Der Zugang, den Greve stark machte, war somit eher funktionaler, denn analytischer Natur: So solle Gesellschaft zwar nicht selbst Untersuchungsgegenstand der Soziologie sein, der Begriff könne jedoch dazu dienen, den Realitätsgehalt von starken Gesellschaftsbegriffen zu hinterfragen, also Kritik an ihnen zu üben. In diesem Sinne bezog sich Greve dann auch auf den von Marchart präsentierten Begriff von Gesellschaft. Er kritisierte, dass einerseits von Gesellschaft als einem „unmöglichem Objekt“ die Rede sei, diesem Objekt gleichzeitig aber kausale Kraft attestiert werde, Marchart also ein „Gründen im Ungründbaren“ postuliere.

Demgegenüber favorisierte ANTHANASIOS KARAFILLIDIS (Hamburg) ein prozessuales Verständnis von Gesellschaft. Danach besteht Gesellschaft aus aneinander anschließenden Kommunikationsereignissen, die sich zu einem mikrologischen Prozess aggregieren. Für Luhmanns Begriff von Gesellschaft als sozialem System seien das allerdings ausschließlich Kommunikationen zwischen Menschen. Vor dem Hintergrund der Entwicklung von am Körper tragbaren Technologien wie Exoskeletten würden die Grenzen des Sozialen gegenwärtig allerdings verschoben, so dass man den von Luhmann praktizierten Anthropozentrismus überwinden müsse. Es sei deshalb ein Kommunikationsbegriff zu entwickeln, der auch für die Kommunikation innerhalb von Unterstützungssystemen passe, die mechanische wie organische Komponenten beinhalten.

Zu diesem Zweck schlug Karafillidis vor, Luhmanns Verständnis von Kommunikation – also seine Idee einer Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen – neu zu fassen. Er plädierte für einen unterscheidungstheoretischen Ansatz, der auf der Prämisse „Vernetzung durch Schließung“ fußt. Gut differenztheoretisch sollen Unterscheidungen insofern als Inklusionsmechanismus fungieren, als der „Einschluss des Ausgeschlossenen“ den Zusammenhang konstituiert. Bei einem Hybrid aus mechanischen und organischen Komponenten handelt es sich dementsprechend um eine Schließung, innerhalb derer kommuniziert wird.

Um derlei Kommunikationen fassen zu können, schließt Karafillidis mit seinem Kommunikationsbegriff an den „Agentiellen Realismus“ von Karen Barad und ihren Begriff der „Intra-aktion“ an: Intra-aktion setzt – analytisch – Schnitte innerhalb von Phänomenen und unterteilt sie so in ontologisch bestimmbare Einheiten. Das komme, so Karafillidis, dem Kommunikationsverständnis in der Kybernetik gleich, in dem Kommunikation als operative Differenz, also als Produktion von Unterschieden, gefasst wird. Aus dieser theoretischen Ähnlichkeit zwischen dem Agentiellen Realismus und der Kybernetik folgerte er, dass Kommunikation ein materielles Ereignis sei. Sie sei also nicht mehr, wie im „herkömmlichen“ Verständnis, auf Materie angewiesen, um stattzufinden (also etwa auf einen Text, der schwarz auf weiß irgendwo geschrieben steht), sondern ihrerseits bereits materiell, indem sie Differenzen produziere.

Es handle sich bei dieser Definition durchaus und immer noch um ein soziologisches Verständnis von Kommunikation, versicherte Karafillidis auf eine kritische Nachfrage von Jan Fuhse: da die Grenzen des Sozialen durch Kommunikationen sowohl produziert als auch reproduziert würden, seien sie es auch – und da blieb Karafillidis ganz bei Luhmann – , die bestimmten, wo Gesellschaft – und damit soziologisches Erkenntnisinteresse – beginne respektive ende.

Das einzige Plädoyer, das sich dezidiert gegen einen Gesellschaftsbegriff wandte, hielt schließlich JAN FUHSE (Passau). Seine Grundthese war vergleichsweise einfach. Da sich die Einheit des Sozialen nur in dessen Vollzug herstelle, Scheitern indes stets möglich sei, hätte ein übergreifender Gesellschaftsbegriff, der Makrostrukturen unterstelle, keinen explanatorischen Mehrwert. Man müsse sich sozialen Phänomenen stattdessen über Netzwerktheoreme nähern, lautete seine Alternative, die er in der Abgrenzung gegenüber Luhmanns Systemtheorie zu plausibilisieren suchte. Die Systemtheorie habe in ihrer bisherigen Beschäftigung mit Netzwerken versucht, Netzwerke „in der Gesellschaft“ zu verorten, was heißt, den Versuch unternommen, sie unter ihr Paradigma sozialer Differenzierung zu zwingen. Folglich wurden Netzwerke wahlweise als eigene Funktions- beziehungsweise Subsysteme interpretiert oder als deren parasitäre Nutznießer. Mitunter wurde ihnen zudem attestiert, sie bedürften zumindest der Kontextualisierung durch Funktionssysteme, seien also keineswegs eigenständig. Die Netzwerkforschung hingegen habe einen solchen Zugriff stets infrage gestellt: Ihr zufolge seien Netzwerke sowohl „in allen historischen Epochen und Gesellschaftsformationen“ anzutreffen als auch „in, zwischen und außerhalb von Funktionssystemen“. Also plädierte Fuhse dafür, Netzwerke in der Analogie zu Funktionssystemen, Institutionen und Organisationen als Erwartungsstrukturen in Kommunikationsprozessen zu definieren. Sie würden als solche eine ganz eigene, und durchaus gleichberechtigte Struktur neben anderen sozialen Entitäten bilden. Im Übrigen führe die grundsätzliche Ablehnung der These einer Primärdifferenz, kraft derer Luhmann bekanntlich zwischen System und Umwelt unterscheidet, dazu, dass auch die These einer „Netzwerkgesellschaft“ keine irgendwie plausible Gegenwartsdiagnose sein könne. Ganz generell, so Fuhse, ließe sich das Zusammenspiel der verschiedenen Strukturen des Sozialen eben nicht in eine große Struktur – die mit dem Begriff „Gesellschaft“ zu bezeichnen wäre – integrieren. „Gesellschaft“, so sein Fazit, sei „nur noch Unübersichtlichkeit“, ein „Verwirrspiel“, in dem verschiedene Strukturen mal mehr und mal weniger prominent seien.

Die Abschlussdiskussion streifte dann noch einmal die ganz grundsätzliche Frage nach den mit den jeweiligen Konzeptionen von Gesellschaft einhergehenden ontologischen Setzungen und epistemologischen Annahmen, die sich an der Frage von DORIS SCHWEITZER (Frankfurt am Main), ob Gesellschaft nicht vielleicht relational zu bestimmen sei, entspann. Jens Greve warf ein, ein relationaler Gesellschaftsbegriff setze immer schon voraus, dass es sowohl das Individuum als auch Gesellschaft gebe – was durchaus zu bezweifeln sei, folge doch aus dem Umstand, über „Gesellschaft“ zu reden, noch lange nicht, dass Gesellschaft ein raumzeitlich individuierbares Einzelding sei. Die damit angebahnte Diskussion, die das Potenzial gehabt hätte, kontrovers auszufallen, wurde jedoch von den OrganisatorInnen mit dem Verweis jäh abgebrochen, derlei Fragen seien glücklicherweise nicht Thema der Konferenz. Die Intervention war bedauerlich und doch – in gewisser Weise – symptomatisch für eine Veranstaltung, die viele kluge Köpfe versammelte, ohne Kontroversen aufkommen oder gar unangekündigt Neues entstehen zu lassen. Und so ist der Beitrag der Abschlussdiskussion von MICHAEL SCHMID (München) ein passendes Schlusswort. Er zitierte sinngemäß den Ausspruch von W. V. O Quine: „Darüber was es gibt, entscheiden unsere Theorien, für den Fall, dass sie wahr sind“, was er selbstredend als Aufforderung verstanden wissen wollte, eine wahre (Gesellschafts-)theorie zu finden.

Tagungsprogramm (PDF)

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.